Weiß, Luise

Luise Weiß an Ernst Haeckel, Berlin, 16. Juni 1867

Berlin den 16. Juni 67.

Mein theurer lieber Ernst!

Tausend Dank, dass Sie mir noch gestern Abend die telegraphische Depesche sandten auf die ich nicht gerechnet hatte, obgleich ich erwartete und auch wünschte, bald zu erfahren, dass Sie den Schritt gethan hätten, der Ihrem Leben eine neuea glückliche Wendung geben wird. Gottes Seegen wird nicht fehlen für diese Verbindung – das hoffe ich aus voller Seele, von ganzen Herzen! und deshalb bin ich so innig erfreut darüber! Ich vertraue Ihnen ganz ‒ aber ich vertraue auch dem lieben sanften edlem Mädchenherzen dem sich Ihre erwachende Zuneigung zugewandt; und mit Riesenschritten wird in der nächsten Zeit dieselbe wachsen.

Lieber guter Ernst, werden Sie noch einmal glücklich – wenn auch anders glücklich als mit Ihrer unvergesslichen Anna! ||

Sie wissen ja schon Alles, was ich Ihnen heute sagen könnte und so will ich nichts wiederholen. Aber das muss ich aussprechen: Sie in den vergangenen Tagen gesehengesprochen zu haben – vor diesem wichtigen Schritte – ist für mich von unendlichem Werth, denn nur so konnte ich den Blick in Ihre Seele, in Ihr Gemüth thun, der mich so vollkommen überzeugte, wie richtig Ihr Entschluss war. Also Freude – und wieder Freude – Glück und Ruhe ziehe ein in das bisher verödete Haus! – Sagen Sie Ihrer lieben Braut welches grosse Vertrauen ich in sie setze, wie der Eindruck den sie mir machte gerade so war, dass ich diese Hoffnung hege. – Nun muss ich aber Gedult haben, bis ich sie wieder sehe! und wieder giebt’s Etwas, was ich noch zu erleben wünsche und was dem Wunsch nach dem Ende wieder ein wenig in den Hintergrund meiner Gedanken zurückschiebt.

Empfehlen Sie mich doch Ihrer neuen Schwieger Mamma! Die ich gar zu gern kennen möchte. ||

Heute Morgen kam gleich Hr. Ernst Reimer zu mir und wollte mir wohl die frohe Neuigkeit mittheilen; wir haben dann in gleicher freudiger Stimmung unsere Gedanken und Gefühle ausgetauscht; seine Frau würde bald zu mir kommen. –

Gestern besuchte mich Cecilie und Agnes Braun und da habe ich Ihre Grüsse an den Vater gleich weiter befördert; da ich aber glaube, Sie werden selbst Ihre Verlobung den Freunden bekannt machen, so beschränke ich mich auf nur gelegentliche Mittheilungen. Auf die Ankunft Ihrer Eltern freue ich mich sehr und werde baldigst zu ihnen gehen.

Ich lege die Addresse Reinhold Pinders bei, die ichb gestern suchte, fand und aufschrieb.

Andere Glückwünsche als die meinigen kann ich heute noch nicht beifügen, da ich noch Niemand gesehen als Reimer; Sie müssten denn die Theilnahme meiner Dienerin annehmen wollen – und das thun Sie.

Es umarmt im Geiste Ihren lieben theuren Ernst die alte treue 75jährige Tante Weiß.

a korr. aus: einen neuen; b eingef.: ich

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
16-06-1867
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 16608
ID
16608