Weiß, Luise

Luise Weiß an Ernst Haeckel, Berlin, 5. August 1864

Berlin den 5. August 64.

Mein theurer lieber Ernst!

Welch‘ unbeschreiblich traurige Nachricht haben Sie mir gestern zugesandt! – ich wollte meinen Augen nicht trauen! Wieder eine glücklich Ehe zerstört – noch ein trauernder Gatte – und nun hier ein mutterloses Kindchen!

Der arme arme Mann! – Zwei Freunde, im gleichen Unglück nun verbunden – Beide gleich hart getroffen; nun ist der glückliche Freund nicht mehr der Tröster – die Stütze des unglücklichen, jetzt sind Beide verlassen von dem liebsten was sie besessen hatten!

Jetzt, liebster Ernst, haben Sie eine schmerzliche Pflicht zu erfüllen: Ihrem Freunde zu seyn, was Er Ihnen war. Freilich werden Sie durch diesen ergreifenden Todes Fall heftig erregt seyn – Ihr Schmerz von neuem bluten, aber ich hoffe, Sie sind gefasst! ||

Diese liebe, liebenswürdige Frau! auch sie ihrem vortrefflichen Gatten genommen! und dem, mit so viel wonnigen Empfindungen erwarteten Kindchen! – Wir dürfen nun einmal nicht fragen: warum? warum dort Leben genommen – hier eins erhalten wird, das ausgedient hat und sich nach dem Ende sehnt.

Doch – ich will meine Feder, meine Worte hemmen; ich werde dieser lieben, lieben Frau ein inniges warmes Andenken bewahren; selten hat mich Jemand so schnell angesprochen und meine Zuneigung erweckt als sie, dass ich sie kennen lernte, ist mir unbeschreiblich werth, so wie ihren Gatten; den jetzt so verlassnen Mann. Sagen Sie ihm in meiner Seele ein theilnehmendes Wort, oder drücken Sie ihm nur die Hand in meinem Nahmen. Sie, aber mein innig geliebter Freund grüsse ich so herzlich so innig wie nur jemand. ||

Für Ihren lieben Brief nach Misdroy, danke ich Ihnen sehr; aber was ich von da etwa noch mittheilen möchte, will ich lieber an Ihren Vater richten, dem ich auch ein paar Zeilen senden möchte. – Von Helene Jacobi hörte ich: dass Sie zu Ihrem Freunde Almers reissten – zunächst – und später nach Helgoland; ist’s so? – mir ist jedenfalls eingefallen, ob Ihr gerader a der gerade wohl eben nicht, der geht wohl über Cassel u. s. w. Weg nicht über Berlin ginge? Dann können Sie ja bei mir übernachten, wenn Sie sich auch nicht aufhalten wollen, ich bleibe jedenfalls die nächsten 2 – 3 Wochen hier. Höchstens gehe ich gegen Ende August noch auf ein paar Tage nach Schkeuditz.

Leben Sie wohl, mein guter Ernst! Wenn wir uns auch traurig – so doch gern wiedersehen! nicht wahr?

mit Thränen im Auge – und Liebe im Herzen:

Ihre alte getreue

Luise Weiß.

a vom unteren Rand v. S. 3 eingef.: der gerade wohl eben nicht, der geht wohl über Cassel u. s. w.

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
05-08-1864
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 16604
ID
16604