Weiß, Luise

Luise Weiß an Ernst Haeckel, Berlin, 6. Mai 1863

Berlin den 6ten Mai 1863.

Meine herzlichgeliebten jungen Freunde!

bester Ernst und gute Anna!

An Eins allein kann ich nicht schreiben, so wenig als ich an Eins allein denken kann, und also auch nicht einzeln danken; danken für den lieben prächtigen herzlichen Brief und die so freundliche Einladung. Ich kann bis jetzt gar nichts Bestimmtes antworten, als nur das: gern, recht gern werde ich ein paar Tage zu Euch kommen, wenn es Zeit und Umstände erlauben. Es ist aber von so Vielerlei die Rede, was geschehen soll, besuchen und besucht werden, daß ich jetzt noch gar nicht übersehen und berechnen kann, wie sich Alles ineinander schicken wird. Jedenfalls werde ich nicht mit den Eltern kommen; ob, während deren Anwesenheit ‒ d.h. im Juni noch – hängt eben von Andern ab, namentlich von meinem Schwager in Lokwitz – dem noch einzig lebenden Bruder meines lieben Mannes – der sich sehnt, mich in meinen neuen Umgebungen und überhaupt bald wiederzusehn, weshalb ich – um letztern || willen, ich neulich – am 25. v. M. – ganz nahe daran war, nach Dresden (Lokwitz) selbst zu reisen, um seinen 76ten Geburtstag am 26. mit zu feiern, der ihm besonders bedeutsam war, als er da dasselbe Alter erreicht hatte, wie mein lieber Mann und bei der besondern Sympathie zwischen den beiden Brüdern glaubt er auch dies Jahr schwerlich zu überleben, obgleich er völlig heiter ist und sich sogar seines Lebens und glücklichen Alters freut. An jenem 25. war aber hier so ganz abscheulich schlechtes Wetter daß ich doch daheim blieb, da ich ja nur hatte überraschen wollen. Jetzt ist m. Schwager nun schon nach Teplitz fort auf 4 Wochen und also möchte ich vermuthen daß er im Juni zu mir kommen will. Nun will auch meine Nichte Lieschen Weiß aus Merseburg gar zu gern auf c. 14 Tage dann, zu mir, in m. kleines nettes Logirstübchen kommen; denn da Beyrichs, trotz dem sie ein wunderschönes Quartier haben, doch kein Räumchen um Jemand zu beherbergen, ich mich aber dessen so sehr freue und es als den Hauptgewinn bei dem Wechsel der Wohnung ansehe – so ist die natürliche Folge, daß die Verwandten bei mir Herberge suchen und finden. – Der nächste und also erste Gast in besagtem Zimmerchen wird Prof. Herrmann Weiße || der einzige Sohn meines Mannes einziger Schwester seyn, der früher fast jedes Jahr uns besuchte und seit dem Tode meines Mannes nicht wieder in Berlin war; den forderte ich zuerst auf und er nahm meine Einladung sehr gern an, er kommt am Pfingstsonnabend und bleibt die Festwoche hier. Höchst dankbar bin ich Ihren Eltern, die die Pfingstwoche hier bleiben wollen, da Ihr Vater Herrmann Weiße gern sprechen will und ich nicht viel für ihn passende Bekannte habe. Dies wäre das Capitel des Besuchtwerdens, nun kommt das, des selbst herum reisens. Ueber Leipzig nach Eger – steht fest, so lange ich noch ein Eisenbahn Coupé besteigen kann; auf der Rückkehr einige Tage in Schkeuditz ist auch ein unabweisliche Nothwendigkeit, sehr natürlich würde der kleine Abstecher nach Jena sich daran anschließen; früher bin ich jedesmal am 13. Juli in Eger gewesen, und da ich diesmal nur einige Tage dortzubleiben gedenke, so würde ich in der 2ten Hälfte Juli ein paar Tage für Jena haben, wenn es den dortigen lieben Gastgebern passte; doch möchte ich diese Rechnung noch nicht als die richtige mit Sicherheit ansehen, wegen der vielen andern Beziehungen. Auch möchte ich wissen ob Ihr, liebe beste Leutchen, Euch zu Anfang d.h. Anfang August also, in Berlin verweilen werdet, oder erst später bei der Rückkehr; denn wenn Ihr hier seyd, dann will und muss ich auch hier seyn. Ihr Vater sprach neulich so: dass Sie wollten nach der Rückkehr von Jena, 4 Wochen hier bleiben und dann noch nach Schlesien gehen. ||

Einfluss auf alle meine Reisepläne wird gar sehr haben, die Entscheidung ob ich wieder zu Pinders reise, was dieselben mit einer Sicherheit verlangen die sich freilich auf mein Wohlbehagen dort im vorigen Jahre stützt, aber doch mir selbst keineswegs so unzweifelhaft ist, im Gegentheil scheint’s mir vernünftiger: dies Jahr nicht nach Jarzombkowitz zu gehen, sondern wenn ich lebe, im nächsten Jahre vielleicht. Nun hat sich wie Ihnen Ihr Vater vielleicht geschrieben hat, Reinhold Pinder verlobt mit der 3ten Tochter des verstorbenen H… Milde in Breslau, der nächstbefreundeten Familie von Pinders – und dieses Ereigniss beglückt alle Glieder beider Familien aufs Höchste. Pinders Bruder und auch Reinhold selbst haben mir glückselige Briefe geschrieben und nächster Tage erwarte ich eine 2te Erzählung dieses Ereignisses. Nun könnte es seyn, dass diese Verlobung Reinholds einen Einfluss auf meine Entschlüsse übte; und um Ihnen über alle meine Angelegenheiten Einsicht zu geben so wird aucha leicht das was Beyrichs in den Ferien thun werden und was dann mit Anna und Elli geschieht, mich bestimmen helfen, Eines oder das Andre zu thun oder vielmehr – zu lassen. Nun, kommt Zeit, kommt Raht.

b Bei Braun’s gehts jetzt gut; wir wollten öfter zusammen in den botanischen Garten aber noch ist’s nicht dazu gekommen.b

a eingef.: auch; b weiter am Rand v. S. 4

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
06-05-1863
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 16595
ID
16595