Max Schultze an Ernst Haeckel, Bonn, 12. Januar 1867

Bonn 12 Januar 67.

Mein lieber Freund!

Immer hoffte ich einmal durch Einlage ein Lebenszeichen von Dir zu bekommen, da doch gewiß schon viele Briefe von Greeff nach Bonn adressirt worden sind – doch vergeblich.

So werde ich mich denn heute nur mal nach Deiner Adresse erkundigen, die ich bei Frau Dr. Greeff zu erfahren hoffe, und Dir ein lang verhaltenes Sendschreiben schicken. Ich hätte mich zu solchem auch wohl eher entschlossen, wenn nicht wieder schwere Zeiten von Krankheit u Tod über meinem Hause aufgezogen wären. Meine 5 Knaben erkrankten an Scharlach und mein jüngstes prächtig liebes Kind, das ganze Ebenbild seiner Mutter, starb mir kurz vor Weihnachten. Seitdem liegt mein vorjüngster Junge noch immer, drei Wochen in Gefahr jezt endlich in der beginnenden Reconvalescenz, ebenfalls gleich nach dem Tode meines kleinen Max erkrankte ich heftig an einer bösartigen Halsentzündung, von der ich kaum so weit genesen bin daß ich wieder schreiben kann. Von Ausgehen ist noch nicht die Rede. So ist denn Vieles zusammengekommen mich mürbe zu machen, und ich kann Dir sagen daß ich mich nie so elend gefühlt habe, wie die letzten Wochen.

So bin ich denn auch eigentlich noch nicht in der Stimmung um Dir einen Brief zu schreiben wie er sich auf Dein Buch gehörte. Weiß ich doch jetzt kaum wo und wiea ich anfangen soll. ||

Zuerst muß ich jedenfalls dem Gefühl von Bewunderung Ausdruck geben, welches ich in gleicher Weise dem Anfang wie dem Ende des Buches und Allem was dazwischen liegt gegenüber empfinde und dasb sich speciell stützt auf Deine Meisterschaft im Ausdruck, die Schärfe des Denkens und der Gruppirung, und die enorme Ausdehnung des Stoffes den Du in verhältnismäßig so kurzer Zeit bewältigt hast. Du hast durch alles dies, durch die Benutzung der Goetheschen Stellen als Motto’s etc etc einen Beweis geistiger Kraft und tiefer logischer undc wissenschaftlicher Durchbildung an den Tag gelegt, daß ich dies jedenfalls in den Vordergrund stellen mußte. Im Einzelnen ist Dir unzweifelhaft Vieles vortrefflich gelungen und mir speciell wie aus der Seele geschrieben. So begrüße ich das von Dir aufgestellte Protisten-Reich mit großer Freude, es ist dasselbe eine natürliche Consequenz unserer gemeinschaftlichen Studien über Protoplasma und Sarkode und die nothwendige Basis der Descendenztheorie. Ueber die Ausdehnung dieses Reiches kann man heut wie früher, wo dergl. Aehnliches aufgestellt wurde, verschiedener Meinung sein. Ich denke aber Deiner Darstellung wird es gelingen dieses Zwischenreich nun wirklich zur definitiven Anerkennung || zu bringen. Warum hast Du aber den Protisten zu Liebe die Protozoen aufgegeben? Du fängst das System der Pflanzen mit Archephyten an, fast für jeden Stamm des Thierreiches hast Du besondere Ur-anfänge, warum die Thiere nicht mit Protozoen beginnen? Meines Erachtens hätte es viel für sich einen Theil der Rhizopoden namentlich die Polythalamien und die Infusorien als Protozoen stehen zu lassen, zumal die letzteren doch wohl nicht allein die Anfänge für das Wurmphylum in sich begreifen sondern ebensogut als Vorläufer der Coelenteraten gelten müssen etc. Sehr gut finde ich auch Deine Gruppirung der Wirbelthiere, aus der die phyletische Entwickelung vortrefflich einleuchtet.

Höchst durchschlagend sind Deine Auseinandersetzungen über die verschiedenen Arten der Zeugung von der Autogonie im ersten Bande an bis zu den verschiedenen Zeugungskreisen und Deiner Darstellung der Selections- und Descendenztheorie. Die strenge Durchführung dieser letzteren nach allen Richtungen hin, die den Kern Deines Werkes bildet, wird nicht verfehlen ihre guten Früchte zu tragen, wenn auch Mancher gerade gegen Deine Art der Darstellung Opposition machen möchte. Das hast Du nun aber nun einmal nicht anders gewollt. Deine Rücksichtslosigkeit kennt allerdings keine Grenzen, || in der Begeisterung für monistische Naturauffassung läßt Du Dich auf Dinge ein, über die Philosophen und Theologen competentere Richter zu sein glauben als Naturforscher, das wird Dir manchen Kampf einbringen der schließlich unentschieden bleiben muß wie er seit Jahrtausenden unentschieden geblieben.

Auch die Naturforscher selbst behandelst Du, soweit sie sich nicht bisher für die Descendenztheorie ausgesprochen haben, nicht zum Besten wenn Du z. B. von Einzelnen verdienten Rügen die Du ertheilst, ganz abgesehen sagst, daß „kaum einer von Hunderten sich über die eigentlichen Aufgaben und das letzte Ziel seiner Wissenschaft klar zu werden suche“. Das ist ein schlimmer Vorwurf, der Dir keine Freunde machen wird, denn das Bestreben der Wissenschaft zu nützen ist wohl immer vorauszusetzen, wenn auch die Fähigkeitd die allgemeinen Gesichtspunkte in den Vordergrund zu stellen und die Absicht dazu oft fehlt.

Doch wo gerathe ich hin! Ich verdanke Deinem Buche so außerordentlich genußreiche Stunden und die erste wo ich Dir schreibe, lese ich Dir den Text! Verzeih, alter Freund, Du wolltest ja selbst hören was ich etwa anders gewünscht hätte, und da kam ich auf diesen Weg. Nun Du kannst so stolz auf dies Product deines Geistes sein daß Dich das nicht anfechten darf. Einen Sturm hast Du freilich durch dasselbe heraufbeschworen, und dessen Wehen wird auch nach Deiner Rückkehr noch nicht aufgehört haben. ||

Mittlerweile erhalte ich von Frau Dr. Greeff Deine Adresse. Also Du hast doch eine unwirthliche Insel dem civilisirten Funchal vorgezogen? Daran erkenne ich meinen Freund Haeckel! Nur hoffentlich darbt Ihr nicht bezüglich der nothwendigen Bedürfnisse des Lebens und denkt an Eure Gesundheit, damit nicht wieder solche chronischen Magencatarrhe bestehen wie wir sie kennen. Greeff der an Frau und Kinder zu denken hat wird da schon die nöthige Energie entwickeln.

Von besonderen Erlebnissen in wissenschaftlichen Kreisen ist wenig zu berichten. Schlechtendahl ist gestorben und an seine Stelle de Bary aus Freiburg berufen, Sachs wird wahrscheinlich des letzteren Stelle erhalten. Dadurch verliere ich viel, doch muß ich mich über die Wendung des Schicksals meines Freundes freuen. Mettenius Stelle in Leipzig ist noch nicht besetzt. Hoffmeister hat ein dickes Buch über die Zelle (Pflanzenzelle) geschrieben, das mich überzeugt hat, daß es selbst den besseren unter den Botanikern kaum gelingt über den engen Kreis ihrer Specialwissenschaft hinauszudenken. Naegeli, der scharfe Denker, dessen vorzügliches Schriftchen über die Descendenztheorie Dir wie ich sehe nicht bekannt geworden ist, hat sich wie Hoffmeister über die Protozoenbewegungen ausgesprochen (in seinem mit Schwendener herausgegebenen vortrefflichen Buche über das Mikroskop). Denker Naegeli kommt zu der Ansicht, daß die bewegende || Kraft in den Körnchen liege. Es ist kaum glaublich aber wörtlich wahr; die Ursache dieser sonderbaren Ansicht liegt in dem Bestreben seinen Ausdruck Glitschbewegung, den er früher einer eigenthümlichen Körnchenbewegung in den Closterien gegeben hat, festzuhalten und diese Bewegung der Molekularbewegung (Tanzbewegung) an die Seit zu stellen.

Doch genug für heute. Ich bin oft gestört worden, da ich in der Kinderstube sitze, das wirst Du dem Briefe wohl anmerken. Aus Jena hörte ich nur von Bernhard. Gegenbaur ist mir lange einen Brief schuldig.

Laß nun bei nächster Gelegenheit von Dir hören, grüße Greeff und sei es selbst von Deinem

treuen Freunde

Max Schultze.

a eingef.: und wie; b eingef.: das; c eingef.: logischer und; d korr. aus: Fähigkeiten

Brief Metadaten

ID
16515
Gattung
Brief ohne Umschlag
Entstehungsort
Entstehungsland aktuell
Deutschland
Entstehungsland zeitgenössisch
Deutsches Reich
Datierung
12.01.1867
Sprache
Deutsch
Umfang Seiten
6
Umfang Blätter
3
Format
13,5 x 21,2 bzw. 13,8 x 21,3 cm
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 16515
Zitiervorlage
Schultze, Max an Haeckel, Ernst; Bonn; 12.01.1867; https://haeckel-briefwechsel-projekt.uni-jena.de/de/document/b_16515