Weismann, August

August Weismann an Ernst Haeckel, Lindau, 4. November 1877

Villa Lindenhof | bei Lindau | 4 Nov. 1877

Lieber Freund!

Sie werden Sich wundern, noch jetzt einen Brief von hier aus zu erhalten. Ich war aber inzwischen 8 Tage in Freiburg, habe m. Vorlesungen angefangen u. bin erst seit gestern wieder hier, um das schöne Novemberwetter zu einigen, vielleicht letzten Daphniden-Beobachtungen auszunutzen.

In Freiburg sah ich [mich] natürlich gleich auch nach den Medusen der Sammlung um. Leider ist aber absolut Nichts darunter, was brauchbar für Sie sein könnte, als ein Rhizostoma Cuvieri u. das || besitzen Sie natürlich selbst! Doch habe ich Dr. Calberla veranlaßt, Ihnen seine, mir früher einmal angebotenen, Medusen aus Messina zu schicken. Er hat viel Hübsches u. meist auch recht gut Erhaltenes von dort mitgebracht u. ich hoffe, es werde Einiges für Sie Brauchbare darunter sein. Sollten Sie übrigens mein Rhizostoma haben wollen, so steht es Ihnen jeden Augenblick zu Diensten.

Ich stecke jetzt wieder recht in der Arbeit drin; viel Beobachtungs-Material liegt aufgehäuft da u. verlangt bearbeitet zu werden, zu Siebold’s Jubiläumsheft habe ich auch eine Arbeit versprochen u. zu Allem plagen sie Einen in Freiburg jeden Winter noch mit öffentlichen Vorträgen! ||

Nicht, daß sie mir an u. für sich unangenehm wären! Im Gegentheil, sie machen mir Spaß, aber ihre Herstellung erfordert – besonders für den Zoologen – häufig mehr Zeit u. Mühe, als der damit erzielte Erfolg werth ist. Wie schöne Themata muß man da unbenutzt bei Seite legen, weil nun einmal der Mastdarm u. die Fortpflanzungsorgane vor Damen nicht genannt werden wollen!

Was den Kosmos anbetrifft, so bin ich gar nicht abgeneigt, gelegentlich einmal einen Artikel für ihn zu verfassen, doch möchte ich kein bestimmtes Versprechen geben, da ich aus Erfahrung weiß, wie störend ein solches gelegentlich werden kann. Für jetzt z. B. wäre ich wirklich ganz außer Stand die Zeit dazu herauszufinden. Ich weiß nicht, ob es Ihnen auch so geht, aber mir ist || es kaum möglich, wenn ich einmal ernsthaft a in einer Arbeit drin stecke, zugleich noch nach ganz anderer Richtung zu arbeiten. Ihr „Freund“ Virchow ist darin mein direkter Widerpart. Seine Münchner Rede habe ich nicht gehört, war auch bis jetzt nicht im Stande, sie mir zu verschaffen, da der Ausschuß – wie es scheint – die Ereignisse des letzten Tages der Versammlung zu drucken vergessen hat. Meine Bemühungen, das betreffende Tageblatt zu bekommen, blieben vergeblich.

Herzlichen Dank auch für Ihre Rede, die ich mit großem Interesse gelesen habe. Sie gehen der Sache energisch zu Leibe! Daß die Grundanschauungen der Entwicklungslehre auch in die Schulen durchschwitzen werden, scheint mir unvermeidlich, b aber als solche, d. h. als Unterrichts-Gegenstand sie einzuführen, || halte ich für zu früh. Doch das wird auch Ihre Meinung nicht das sein. Sehr sympathisire ich mit Ihnen, wenn Sie verlangen, daß wir die neu gewonnene Einsicht mit unserm alten Wissen zu einer klaren u. bestimmten Gesammtanschauung verarbeiten sollen. Es ist nur nicht so leicht! Ganz besonders, wenn man eben die c praktische Seite ins Auge faßt, also die Weltanschauung welche der großen Masse geboten werden soll. Die Begründung der Moral ist eine äußerst schwierige Sache, u. doch muß dieselbe sein, wenn nicht allgemeine Verwilderung einreißen. soll. „Das Alte sinkt“ – aber noch ist es nicht deutlich zu erkennen, wie das neue Leben aussehen wird, welches „aus den Ruinen“ hervorsproßen wird. Doch || halte ich die Zuversicht aufrecht, daß es der Menschheit gelingen werde, sich durch diese Krise glücklich hindurchzuarbeiten. Aber eine tiefgreifende Umwälzung wird es sein, das sieht man jetzt sehr deutlich! Jetzt sollte Jemand eine Entwicklungsgeschichte der Moral schreiben, d. h. der Moral-Vorstellungen des civilisirten Menschen, ihre Herleitung aus den thierischen Anfängen etc. Eine tiefere philosophische Begründung wäre damit natürlich keineswegs ausgeschlossen. Es ist mir nicht bekannt geworden, daß so Etwas schon existire.

Mit bestem Gruß

Ihr

freundschaftl. ergebener

Aug. Weismann

Für freundl. Befürwortung meiner Challenger Wünsche besten Dank!

a gestr.: dr; b gestr.: d; c gestr.: P

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
04-11-1877
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 16459
ID
16459