Weber, Victor

Victor Weber an Ernst Haeckel, Halle, 23. Mai 1852

Halle den 23/5 52

Innigst geliebter Ernst!

Daß ich die Nachricht von dem verschlimmerten Zustande Deines Fußes u. wie dadurch Deine goldenen Luftschlösser zerronnen sind, mit dem größten Bedauern gehort habe, wirst Du mir wohl denk‘ ich, auch ohne meine Versicherung glauben. Denn daß es eine solche Bedeutung habe, hätte ich mir nie träumen lassen. – Was indessen die schönen Träume betrifft, so brauchst Du durchaus nicht zu denken, der einzige zu sein. Es giebt noch mehrere, denen manche Hoffnung zu nichte geworden ist, zu deren Zahl ich auch mich zähle. Ich hatte geglaubt daß nun das Leben dem Horazischen Ideal gleichen würde. Doch die „rauhe Wirklichkeit“, wie unser Prorector bei der Immatriculation sagte, hat sich in bedeutendem Maaße fühlbar gemacht. Nach bezahlten Immatriculationsgebühren hatte ich noch 2 ½ rℓ u. damit habe ich bis jetzt gereicht; woraus Du schon abnehmena kannst, daß von Vergnügungen nicht viel die Rede sein konnte. In Folge dessen hatte mich eine Art Apathie befallen. Ich starb fast vor Langeweile, die Pflanzen lagen da, ich sah sie nicht an, hatte ich welche geholt, so war ich zu träge, sie einzulegen, nur freute ich mich jedes mal, wenn im Colleg ein Bogen voll war, so daß das Heft anzuschwellen begann. – Doch ich will Dir nicht die Ohren voll jammern, ich wollte nur sagen, daß auch Andern manche schöne Hoffnung wie eine Seifenblase zergangen ist. ‒

Von Vorlesungen höre ich, sowie Hetzer der mein Stubenbursche ist, bei Schlechtendal Botanik jeden Tag eine Stunde, darauf Differenzialrechnung bei Sohncke (den höhern Kohl) 4 Stunden wöchentlich. Nach dieser || höre ich analytische Geometrie bei Rosenberger, so daß ich 3 Stunden hinter einander habe. Dieser Rosenberger ist ein sehr originelles Haus, der in 10 Stunden von Nichts als einem Punkt zwischen 2 Schneidenden, dessen „Coordinaten u. Abscissen“ gesprochen hat. und der mit den Armen die Mühle macht um die Drehung der Winkelschenkel anzudeuten. Ferner höre ich noch ein publicum bei Schlechtendal über Gräser u. Halbgräser, dann bei Steinberg über Wasser u. Luft u. endlich bei Prutz über Göthe u. seine Schriften. Die Chemie (organische) kostete bei Steinberg 10 rℓ ebensoviel kostet das Laboratorium das paßt, also jetzt noch nicht in meinen Kram.

Was nun das Botanisiren anbetrifft so habe ich bis jetzt wenig Glück gehabt; Im Lindberg, der für dies Jahr fast ganz ausgerodet ist, habe ich 2 mal gar nichts gefunden. Nur als ich mich mal nach Dölau verb fand ich viele palustris, aber auch schon im April blühend. Den Abend vor Himmelfahrt kam plötzlich der kleine Weiss hier an u. da nun am Himelfahrtstage in Halle allgemeine Auswanderung ist, so thaten wir desgleichen u. wanderten früh ½ 4 aus nach dem echten Mittelholz am Petersberg. Als wir in Throtha waren gingen wir einen ganz falschen Weg, so daß wir über eine Stunde umgingen. Dafür fanden wir auch in einem Grasgarten bei Gutenberg, wo Trollius in Menge stand 1 Exemplar von Ophrys muscifera u. Anemone pratensis auf einem von Garcke nicht angegebenen Orte. Im Mittelholz fanden wir Orchis sambucina Iris bohemica in Unmassen, Potentilla rupestris, die nach Garcke hier äußerst selten vorkommen soll. Ferner Lithospermum officinale, Muscaris comosum. Ins Bergholz, das auch dort ist, konnten wir wegen zu starkem Unterholz nicht eindringen. Von hier gingen wir, ohne den Petersberg || zu besteigen da es immer zu regnen anfangen wollte, nach Lettin an die Haide, wo wir lange suchten und fanden: Ajuga pyramidialis. Dann ging‘s nach Crollwitz u. Halle wo wir am Abend halb verhungert und verdurstet (denn es hatte jeder den ganzen Tag blos für 6 d Semmel gegessen) in der Stube fast zusammenbrachen. Von sonstigen Excursionen habe ich nichts zu erzählen da ich keine gemacht habe. Anfangs wars zu kalt u. man fand auch nichts.

Ich hatte schon vor Wochen so viel, wovon ich Dir schreiben wollte u. jetzt, wo ich dasitze, ist Alles verschwunden. Doch eines fällt mir eben ein, nehmlich daß die Jahrzahlen, ohne das geringste Zuthun meiner Seits, aus dem Gedächtniß glücklich entkommen u. auch keine Spur zurückgelassen haben. Dann noch einen Spaß: Als ich mir jüngst Kaffee kochte, kam ich mit dem Gesicht der Spiritus Flamme zu nahe, so daß ich mir etwas versengte. Doch trotz alles Suchens konnte ichs nicht entdecken. Endlich, der Geruch wehte mir immer um die Nase, fand ichs,: die eine Seite meines Bart‘s war hop‘s. Gut daß erc noch d nicht zu urwäldlich ist, sonst hätt‘ ich die andre auch verbrennen müssen. Eben bringt der dumme Hetzer Cheiranthus Cheiri was er auf der Moritzburg erangelt hat.

Nun ich hoffe daß Dein Fuß sich bald bessern wird damit Du aus Deinem beneidenswerthen Zustande herauskommst. Laß bald wieder etwas von Dir hören u. erinnere Dich zuweilen

Deines

täglich sterbenden u. um Dero

langes Leben zu Gott

bittenden

Dieners

V. Weber stud math et phys.

Halle Spiegelgasse Nr 58.

Hetzer Wilhelm läßt schönstens grüßen, ich auch.

Heute früh kamen hier Merseburger Schützen durch, die nach Potsdam fuhren von wegen des russischen! o jerum!! ||

Dem

stud. med. H. Ernst Häckel

in

d. G.

Berlin.

a korr. aus: abt; b Textverlust durch Ausriss; c Textverlust durch Ausriss, sinngemäß: Gut daß er; d gestr.: z;

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
23-05-1852
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 16196
ID
16196