Schubert, Adolph

Adolph Schubert an Ernst Haeckel, Berlin, 20. Dezember 1855

Mein lieber Ernst!

Wennschon Deine für das gegenwärtige Semester entworfene und voraussichtlich von Dir innegehaltene Zeiteintheilung, wie Du dieselbe in einem früheren Briefe an Deinen guten Papa näher auseinandergesetzt hast, keine besondere Rubrik für das Lesen erhaltener Briefe enthält, so will ich doch zu hoffen wagen, daß Du mir nicht gar zu sehr schmollen werdest, wenn Du den Briefen vom Hause heute auch einige Zeilen von mir beigelegt findest. || Ich schreibe diese in dem Zimmer, das die Ehre haben soll, Dein künftiges Wohnzimmer zu werden, sobald Du Deinem lieben Würzburg Lebewohl gesagt und in unserem Berlin Deinen Einzug gehalten haben wirst und in welchem mehrere Deiner intimsten Freunde, wie Dein Bücherschrank, Deine Pflanzen und Thiere mir schweigend Gesellschaft leisten, deren sorgsame Behütung und Beaufsichtigung mir sehr am Herzen liegt, so daß Du ihretwegen unbekümmert sein darfst.

Das bevorstehende Weihnachtsfest, zu welchem ich Dir von Herzen Glück wünsche, wirst Du nun leider nicht im Kreise Deiner Familie verleben können und bitte ich daher, Du wollest deßhalb nicht Grillen fangen, sondern mit Deinen dortigen näheren Bekannten Dir die Feiertage so angenehm als möglich machen. Die zwei || oder drei Monate von Neujahr ab, die Du dann noch dort bleiben willst, werden Dir bei Deinen vielen Collegien und Privatstunden rasch verfließen und nach dem Schlusse der Vorlesungen kehrst Du dann wohl bald hieher zurück, wo ich jeden Augenblick gern erbötig bin, die für Deine Benutzung bestimmte Wohnung zu räumen und zu Deiner Disposition zu stellen. – Ich für mein Theil will von nächsten Ostern ab einen Versuch machen, auf irgend einem Landgut mit der Landwirthschaft mich bekannter zu machen, indem ich als Eleve eintrete; der Ort ist bis heut noch nicht bestimmt.

Deine sehr ausführliche und sorgfältige Reisebeschreibung haben wir hier a mit regem Interesse durchgelesen und ich habe Dich um den viel größeren und erhabenern Genuß, den der Naturforscher von seinen || Reisen zieht, als jeder Andere, nicht wenig beneidet.

Das anliegende Werk von Rokitansky wollest Du als ein Andenken an die diesjährigen Weihnachten freundlich von mir an- und aufnehmen.

Schließlich füge ich noch zu dem bevorstehenden Neujahrstage meine aufrichtigsten und herzlichsten Glückwünsche bei und bin wie immer

Dein

alter Vetter

Adolph.

Berlin 20 December

1855.

a gestr.: Ab

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
20-12-1855
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 16188
ID
16188