PROF. DR. EMIL SELENKA
NEUHAUSERSTRASSE 51
(ALTE AKADEMIE).
MÜNCHEN, 2. Februar 1898
Hochverehrter, lieber Freund und Kollege!
Für Zusendung Ihres Nachrufes u. der Notiz über Fleischmann’s Buch besten Dank!
Es freut mich, dass ein Wort über Fleischmann’s Buch verlautet. Am liebsten hätte ich es selber gethan, doch hielt mich die Rücksicht auf Fleischmann zurück. Es ist unbegreiflich, wie dieser vortreffliche Beobachter, der ein warmes Herz hat für die Natur, solchen Unsinn schreiben und sogar drucken lassen konnte! So lange ich in Erlangen war, hielt er mit seinen Ansichten noch zurück, aber nicht ausa Feigheit – denn er ist eine ehrliche, scheue Natur – : es muss || ihm seine Erleuchtung über Nacht gekommen sein!
Von seinen Schülern ist Fleischmann nicht nur verehrt, sondern sogar geliebt; alle schwärmen für ihn, denn sein Vortrag ist spannend, fesselnd, und sein kindliches Gemüth durchdringt seine Darstellung stets. Aber es fehlt ihm jede philosophische Ader. Meine Vorstellungen haben gar nichts genützt, nachdem ich zuletzt aus Indien heimgekehrt. Ich habe ihm meine Meinung geschrieben – in der Antwort thut er mich ab wie ein altes Eisen. Ich gebe ihn noch nicht auf, denn er ist ein guter Beobachter und kehrt nun wohl zu besserer Arbeit und zu Themata, welche seiner Veranlagung entsprechen, zurück. Dass er || ein Lehrbuch nicht schreiben könne, das habe ich ihm aufs Eindrücklichste wiederholt auseinander gesetzt, aber vergeblich.
Augenblicklich ist Fleischmann schwer erkrankt. Eine Bruch-Operation hat ihn an den Rand des Grabes gebracht. Doch ist Hoffnung vorhanden, dass er mit dem Leben davonkommt. Seit einer Woche ist er besinnungslos in Folge einer Eitervergiftung. –
Bald erscheint das erste Heft über „Die Menschenaffen“. Text wird knapp, Illustrationen recht hübsch.
Mit herzlichem Gruße
in aufrichtiger Verehrung
Ihr
Selenka
a eingef.: aus