Deutsche Medizinische Wochenschrift
berlin w., am karlsbad 5.
Berlin, den 12. August 1910.
Hochverehrte Excellenz.
Mit verbindlichstem Dank bestätioge ich Ihnen den Empfang Ihres mir gütigst übersandten Aufsatzes. Die darin enthaltene Polemik kann mich sicherlich nicht daran hindern, den Artikel für meine Jubiläumsnummer zu verwerten.
Da Sie den Anfang Ihrer Bemerkungen über den Aufsatz von Prof. Keibel mit dem Zusatz versehen, dass sein Artikel seinerzeit auf Veranlassung der Redaktion verfasst worden sei, so möchte ich nicht verfehlen, Ihnen, hochgeehrte Excellenz, eine Erklärung für die Genesis des Aufsatzes zu geben. Ich war seinerzeit der Meinung, dass man der politischen Presse nicht allein den hässlichen Streit überlassen dürfe, sondern dass auch die Wissenschaft die Aufgabe habe, zu der Angelegenheit Stellung zu nehmen. Von diesem Standpunkte aus wandte ich mich an einige hervorragende Biologen; sie lehnten aber aus persönlichen Gründen eine Behandlung der Frage ab. Einer von ihnen, dessen Autorität und Objektivität auch von Ihnen bedingungslos anerkannt werden würde, verwies mich an Rabl und Keibel. Meine an den ersteren gerichtete Aufforderung war der Ausgangspunkt für die Ihnen bekannte Erklärung der akademischen Biologen, meine Anfrage bei Keibel hatte den in unserer Wochenschrift veröffentlichten Aufsatz zur Folge. ||
Dass Sie, hochgeehrte Excellenz, jetzt gelegentlich Ihrer allgemeinen Betrachtungen auf den Keibelschen Aufsatz zurückkommen und eine Abwehr gegen ihn veröffentlichen, kann im Interesse der Wahrheit freudig begrüsst werden. Nur eine herzliche und dringende Bitte möchte ich Ihnen zur Erwägung vortragen: nämlich, den Satz, in dem Sie Brass den Vorwurf machen, dass er nur aus Reklame den Angriff gegen Sie unternommen habe, zu streichen. Eine solche nicht beweisbare Verdächtigung würde für die Kreuzzeitungsmänner und alle sonstigen Gegner das Signal zu einem neuen wütenden Angriff gegen Sie bedeuten. Zum mindesten würde Dr. Brass sofort sich einstellen und mich zwingen, eine Erwiderung von ihm abzudrucken, die den alten Streit wieder aufrührt und die leicht auf den gegen ihn erhobenen Vorwurf in noch schärferer Tonart erwidert. Ich glaube, dass ein derartiger Vorgang im Interesse aller vermieden werden sollte. Ich gebe mich der Hoffnung hin, dass Ew. Excellenz meinen Vorstellungen Rechnung tragen und den erwähnten Satz bei der Korrektur, die Ihnen voraussichtlich schon morgen zugehen wird, ausmerzen werden.
Mit dem nochmaligen Ausdruck meines ergebensten Dankes
in grösster Hochachtung und Verehrung
Ew. Excellenz ganz ergebener
J Schwalbe
Herrn Wirkl. Geh. Rat Prof. Dr. Haeckel, Excellenz, Jena