Fürbringer, Max

Max Fürbringer an Ernst Haeckel, Heidelberg, 22. Dezember 1905

Heidelberg, 22.12.05.

Lieber und hochgeehrter Freund!

Vor einigen Tagen schrieb mir Herr Dr. Schmidt in Sache des Monistenbundes und teilte mir zu unserem innigsten Leidwesen zugleich mit, dass es Deinem Befinden nicht zum Besten gehe. Dass ich Dir darauf nicht sofort geschrieben, willst Du freundlich entschuldigen. Die tiefe Depression, in der wir uns befinden – in einigen Tagen wird es 1 Jahr sein, dass unser geliebter Junge uns verliess und unsere schönsten Hoffnungen begrub –, macht mir alles, selbst einen Brief, zur schwersten Arbeit. Herrn Dr. Schmidt schrieb ich von dringendsten Berufspflichten; die sind jetzt Nebensache.

So möchten wir Dir denn unsere allerherzlichste Theilnahme aussprechen, dass Dein alter Rheumatismus Dich dieses Mal mit grösserer Hartnäckigkeit plagt, und damit die innigsten Wünsche verbinden dass Dir Weihnachten die Befreiung, von der längeren Qual schenke und dass 1906 als Ausgleich für die hässlichen letzten Monate dieses Jahres sich Dir voll Gesundheit und Wohlbefinden erweise. Hof-||fentlich geht es Deiner lieben Frau und Deinen Kindern möglichst nach Wunsch; allen die herzlichsten Wünsche!

Herrn Dr. Schmidt habe ich abgeschrieben, und das wird Dich nicht weiter gewundert haben. ich bin selbstverständlich durchaus Monist, aber ich habe mich auf diesem Gebiete weder als Forscher noch als Schriftsteller betätigt, gehöre somit hier zu den Dilettanten und habe als solcher nicht das Recht und die Prätention, den bezüglichen Aufruf mitzuunterzeichnen! Dann aber empfinde ich nach meiner ganzen Naturanlage den grössten Widerwillen, irgendwie an die geräuschvolle Öffentlichkeit zu treten und mir durch dilettantische Vielgeschäftigkeit – denn eine Beteiligung an etwas bedeutet für mich auch aktive Mitarbeit – die Arbeitszeit für meine dringendsten und nächstliegenden Arbeiten zu vermindern. Das Pensum, das vor mir liegt, ist ja 10 mal grösser als das bisschen Leistungsfähigkeit, das ich in den paar mir noch verbleibenden Jahren noch entfalten mag, und seit dem Unglück der letzten Jahre empfinde ich einen wahren Ekel vor diesem horrenden Eitelkeitsmarkt, der sich Welt nennt. Ich fühle förmlichen Schmerz, wenn ich meinen Namen aus || diesem oder jenem Anlaß in den Zeitungen lese.

Ausserdem habe ich wenig Glauben an den gewünschten Erfolg des neuen Monistenbundes, wie gut gemeint er auch ist. Derselbe wird Tausende und Abertausende von Mitgliedern umfassen, darunter gewiss viele vornehme und hochbedeutende Menschen, aber auch leidenschaftliche Streitköpfe, die natürlich zu Worte kommen wollen und vermutlich mehr reden und schreiben werden, als die ruhigen innerlichen Naturen. So wird, nach meiner Meinung, der grosse und vornehme Monismus, dem durch reine innere Kraft ja sicher die Zukunft gehört, wenn auch nicht sofort oder in der nächsten Generation, durch Übereifer, ihm zu einem übernatürlich schnellen Erfolg zu verhelfen, nicht gefördert werden, sondern leicht Gefahr laufen, mit unnötigen Äusserungen einiger fanatischen, Andersdenkende schmähenden Monisten identifizirt oder zusammengeworfen zu werden. Für Fanatismus und religiöses Gezänke fehlt mir aber auch jeder Sinn. Freuen wird es mich, wenn meine Kassandra-Prognose durch die Zukunft als eine irrige erwiesen werden sollte.

Nochmals sende ich Dir und Deinen Lieben zugleich im Namen meiner Frau die allerbesten Wünsche und herzlichsten Grüsse.

Dein

M Fürbringer.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
22-12-1905
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 1378
ID
1378