Fürbringer, Max

Max Fürbringer an Ernst Haeckel, Jena, 4. Dezember 1900

Jena, 4.12.1900.

Lieber und hochverehrter Freund!

Dieses Mal kann ich Dir mit herzlichem Danke für Deine 1iebe Karte aus Singapore etwas mehr berichten.

Zunächst aber meine besten Glückwünsche zu der wunderbaren Sammelthätigkeit, die Dir in so kurzer Zeit das Zusammenbringen eines so enormen Materials ermöglichte. Hoffentlich kommt alles recht gut an und seine Bearbeitung bringt Dir viel Freude und uns viel Grund zur Dankbarkeit gegen den unermüdlichen, ewig jungen Forscher. Deine liebe Frau haben wir leider zweimal verfehlt, doch hörten wir von Deiner lieben Tochter und mittelbar, daß Du inzwischen nach glücklich und gut vertragenen Festen und Fahrten in Buitenzorg angekommen bist, wo gewiss Prof. Treub mit der herrlichen Gegend und dem wundervollen Klima wetteifern wird, Dir den Aufenthalt so angenehm und gesund als irgend möglich zu gestalten. ||

Zunächst also die Berufungsfrage. Es waren viele Schwierigkeiten und Gegenströmungen zu bekämpfen; eine Zeit lang hatte es beinahe, das Aussehen, als ob wir Rabl oder einen Anderen fremder Competenz bekommen könnten. Schließlich hat sich aber alles sehr gut gemacht und Maurer konnte nach Deinem Wunsche pro primo einstimmig von der Facultät vorgeschlagen werden und ging auch unbeanstandet durch den Senat. Zur Zeit befindet sich die Vorlage bei dem Curator oder bei der Regierung, die hoffentlich den einstimmigen Vorschlag der Universität nicht durchkreuzen werden. Über Maurer haben wir nicht allein von Gegenbaur, sondern auch von vielen anderen vertrauenswürdigen und urtheilsfähigen Seiten ausgezeichnetes Lob gehört, so dass man erwarten darf, mit ihm einen ganz vortrefflichen Nachfolger zu erhalten, der mich sehr bald vergessen machen wird. Die secundo und tertio Vorgeschlagenen sind Oscar Schultze in Würzburg (Sohn Max Schultze‘s, aber den Vater wohl nie erreichend) und Ballowitz || in Greifswald (ein trefflicher Histologe). Maurer überragt Beide thurmhoch; ganz in Deine und Gegenbaur’s Lehre eingelebt, ein angenehmer bescheidener Mann, wird er Dir ein lieber und treuer College werden.

Von den Zoologischen Forschungsreisen erscheint in den nächsten Tagen eine grosse Ceratodus Lieferung, 2 mittelgrosse Arbeiten Semon’s und eine umfangreiche Abhandlung von Braus enthaltend. Dem Wunsch Semon’s und Fischer’s zufolge habe ich meine Bereitwilligkeit erklärt, auch von Heidelberg aus die Redaction [Natürlich nur der Forschungsreisen, deren Herausgabe auf dem besonderen Contrakte von Dir, Semon und uns mit Fischer beruht. Die Zeitschrift und die Denkschriften gebe ich selbstverständlich mit meinem Weggange ab.]a weiterzuführen und abzuschließen. Natürlich dabei Deine und Herrn von Ritters Zustimmung vorausgesetzt. Ich glaube auch, dass diese Lösung die weitaus beste ist, da ich mitten in den Unterhandlungen mit den Mitarbeitern stehe und alle Fäden in der Hand habe, die abgerissen durch einen Anderen mit Schwierigkeit wieder angeknüpft werden müssten. Für mich ist die Sache keine zu grosse Mühe, die ich von Herzen gern um der guten Sache willen und in dankbarster Erinnerung || an das viele Gute, was ich Dir und Jena verdanke, bringen will. Das zur Bearbeitung und Vertheilung nöthige Material nehme ich mit; nach Abschluss der Forschungsreisen geht es natürlich wieder nach Jena zurück.

Wie steht es mit Herrn Dr. von Ritter’s Geneigtheit, für die weitere Herausgabe der Forschungsreisen einen zweiten Beitrag zu gewähren? Hoffentlich hattest Du Gelegenheit, ihn darüber zu sprechen, und fandest geneigtes Ohr und offenes Herz.

Noch steht eventuell eine andere Veröffentlichung grossen Umfanges bevor. Dr. O. Vogt, früherer Schüler und Assistent von mir, jetzt Director eines psychiatrischen und neurologischen Privatlaboratoriums grossen Umfanges in Berlin hat mir vergleichende Hirnanatomische Forschungen, die auf 500–1000 Tafeln kommen sollen und die er mit zahlreichen Arbeitern ausgeführt und noch ausführt, in Dankbarkeit gegen die Jenaer Zeit (er ist auch ein glühender Anhänger von Dir) für die Denkschriften angeboten. Dr. Fischer wird mit ihm verhandeln und die Sache auf ihre Realisierbarkeit prüfen. Krupp (ein Patient von Vogt) hat || sich erboten, die Kosten der Tafelherstellung zu tragen. Die Sache ist noch in den ersten Anfängen und wird vermuthlich nach Deiner Rückkehr erst zur definitiven Entscheidung auch seitens der Gesellschaft kommen. Wenn sich das erfüllt, was wir davon erwarten, so ist es ein grosser Gewinn für die Gesellschaft.

Meine Frau und ich waren Ende September und Anfang October in Heidelberg, um Wohnung zu miethen und sonstige wichtige Arbeiten für die Übersiedlung zu thun. Bei Gegenbaur waren wir nur einen kurzen Augenblick. Er war nicht ganz auf dem Damm und wir waren in der grössten Hetze. Jetzt habe ich wieder die besten Nachrichten über ihn. Wir bekamen für das erste Jahr nur eine traurige und zu kleine Interimswohnung in bequemer Lage (die besseren waren ganz abgelegen), hatten aber das Glück noch den letzten Bauplatz jenseits des Neckar (schräg gegenüber der Anatomie) zu erwischen. Dort wollen wir uns anbauen und hoffen Ostern 1902, wenn nicht früher einzuziehen. Meine Frau ist ganz Baumeisterin, und das ist gut, weil sie sich || mit den Bauplänen über sehr einsame Stunden hinweghilft. Mit Dir ist viel Leben und Anregung hinweggegangen; aber auch sonst hocken wir beiden Alten einsam zu Haus, da unser Junge dieses Semester in Lausanne Medicin studiert. Nur unter der Voraussetzung, dass er den Winter im Süden verbringe, durfte er im October das Abiturientenexamen machen. Lausanne ist nun freilich nicht der richtige Süden und hat manche Bise; aber meine Frau war schlechterdings nicht dazu zu bringen ihn nach Südfrankreich oder Italien zu geben.

Nun aber das A und O aller Briefe: Herzlichste Wünsche und Vorsicht vor Überanstrengung! Ich muss es wiederholen, weil ich vor nicht langer Zeit auch einen Brief von dem sehr erfahrenen Weber erhielt, der, Deine lebhaften Impulse und Deine unverwüstliche Jugendfrische kennend, gerade darin Gefahren erblickt. In Java müsse man weniger als die Hälfte von deutscher Arbeit thuen und viel, viel faullenzen. Alles mehr räche sich schlimm. Also auch um unseretwillen und um Jena’s || Willen lass die Reise nur Erholungsreise sein und vergiss nicht, ein wie reiches Leben Deiner noch wartet. Verzeihe diese Worte; sie kommen aus gutem Herzen.

Herzlichste Wünsche von meiner Frau und mir. Der Referirabend war sehr über die Karte erfreut. An Treub beste Grüsse.

Dein

M. Fürbringer.

a eingefügt mit unterstrichenem Einfügungszeichen: Natürlich nur … Weggange ab.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
04-12-1900
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 1335
ID
1335