Sokolowsky, Alexander

Alexander Sokolowsky an Ernst Haeckel, Jena, 6. Juni 1892

Berlin d. 6. Juni 92.

Hoch verehrter Herr Professor!

Schon seit einigen Tagen im Besitze Ihrer werthen Zeilen, treibt es mich, Ihnen hiermit meinen innigsten Dank für Ihre liebenswürdigen Bemühungen in Bezug auf meine Angelegenheit zu senden. Wenn es mir auch leider nicht vergönnt ist, in Jena zu promovieren, so nehmen Sie hiermit meine aufrichtigste Versicherung hin, dass, wohin mich auch des Schicksals Wege führen werden, und auf welche Bahn mich die Wissenschaft leiten wird, – ich werde stets mit vollem Herzen Ihnen und dem trauten || Jena zugethan bleiben. Sie sind es damals gewesen, der vorurtheilsfrei den Traum meiner Jugend wahr machte, indem Sie mir das Studium der Naturwissenschaften ermöglichten und mich stets durch Ihr Wohlwollen beförderten. Wer einmal an der Quelle freier Wissenschaft, die in Jena sprudelt, gesogen, der wird mit ganzer Seele ein Jenenser bleiben. Ich beklage oft sehr, dass ich nicht den regulaeren Bildungsgang durchgemacht habe, muss mir aber auch oft zum Troste gestehen, dass ich wohl kaum mit grösserer Freude und Liebe an das Studium der Natur herangetreten waere, wenn ich das Gymnasium beendet haette. ||

Was nun meine Promotionsangelegenheit betrifft, so hatte ich vorige Woche ein laengeres Gesuch an die naturwissenschaftliche Facultaet zu Tübingen eingesandt und erhielt gestern vom Dekan derselben Facultaet, Prof. Stahl, die Antwort, dass besagte Facultaet von den betreffenden Zeugnissen absehen würde, wenn meine Dissertation eine solche Begünstigung rechtfertige. Ich habe nun die bestimmte Absicht gefasst, mein Heil in Tübingen zu versuchen und bin jetzt hier beschaeftigt, meine Arbeit an der Hand des zoologischen Materials der Museumssammlung noch zu vervollstaendigen. Vielleicht waere Tübingen schon deshalb der geeignete Ort, || weil ich in meiner Dissertation die Theorien Prof. Eimer’s bestaetige und weiter ausbaue, genannter Herr deshalb wohl viel Interesse für meine Untersuchungen haben wird. Sollten Sie, hoch verehrter Herr Professor, in dieser Angelegenheit etwas für mich thun können, so habe ich die volle Überzeugung, dass Sie meiner gedenken werden.

Mit der Bitte, mir auch fernerhin Ihr Wohlwollen zu bewahren, sowie den Herren Prof. Stahl und Kükenthal meine Grüsse zu übermitteln

zeichnet

mit hochachtungsvollen

Grüssen

Ihr

Sie verehrender Schüler

Alexander Solowsky.

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
06-06-1892
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 13306
ID
13306