Fürbringer, Max

Max Fürbringer an Ernst Haeckel, Jena, 21. Juli 1898

Jena, 21.7.98.

L. u. tr. Fr!

Herzlichen Dank für Deinen lieben Brief. Ich würde, auch auf die Gefahr hin Dich zu stören, doch einen Augenblick zu Dir kommen, und nicht blos [Brege’s] ? wegen, wenn mir Stintzing nicht strengstens geboten hätte, mich lediglich auf d. Colleg zu beschränken. Ich fahre zur Anatomie, schließe mich sofort ein, damit Niemand zu mir komme, halte mein Colleg und fahre dann zurück, ohne auf der Anat. eine Seele zu sprechen. Und diese gräßliche egoistische Pinzerei ist mir doch nothwendig, denn allerdings regen die ¾ Stunden todten Vorpredigens mein Gefäßsystem noch so auf, als ob ich die tiefgreifendsten Erschütterungen und Anstrengungen durchgemacht. Ich hoffe aber doch, dass ich Dich noch vor Semesterende im Zool. Inst. oder in Deiner Behausung aufsuchen darf.

Doch nun die eigentl. media res. Stintzing hat direct und indirect Erkundigungen über B’s Thätigkeit in Fr. etc. eingezogen und diese sind sehr wenig günstig ausgefallen; auch andere Collegen scheinen ihn bekehrt zu haben. Ich vermuthe, dass er die Sache zunächst noch hinhängen und dann Br. keinen sehr ermuthigenden Brief schreiben wird. Dies unter größter || Discretion. Ich wage natürlich nicht, Dir einen Rath zu geben. Ich würde aber vielleicht schreiben, wenn ich in ähnlicher Lage wäre, dass solche Dinge in den heiligen Facultäten sehr langsam gehen und daß hier auch die Facultäten gegenseitig sehr verschwiegen sind und ihre Heiligthümer vor den profanen Augen anderer Facultätsmitglieder sehr geheim halten. Und ausserdem bist Du ja so mit Arbeiten und Besuchen überhäuft, das er nicht so unverschämt sein wird, Dir noch zuzumuthen, in seinem Interesse von Pontius zu Pilatus zu laufen – ganz abgesehen von der ihm zukommenden bescheidenen Stellung Dir gegenüber. Vielleicht auch kannst Du zufügen, daß ich mit Rücksicht auf meinen Zustand noch jenseits aller Facultätsgeschäfte stehe, somit auch ich jetzt keine Quelle des Wissens bin.

Ich hatte grosse Freude, heute auf dem Wege zur Anatomie Deine Frau Tochter und Dein Enkelchen zu sehen; leider fuhr uns der Wagen gar zu schnell vorüber.

Herzlichste Grüsse an Dich und die lieben Deinigen

Dein getreuer

M. Fürbringer.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
21-07-1898
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 1316
ID
1316