Thiele, Carl Heinrich

Carl Heinrich Thiele an Ernst Haeckel, Solln, 11. Februar 1917

Solln b/München 11.II.1917

Hochverehrter Meister !

Obwohl sich „in rebus politicis“ meine Wege völlig von den Ihrigen getrennt haben, wie ich eben noch mit blutendem Herzen aus Ihrem Artikel im „Jenaer Volksblatt“ ersehen mußte, so entbiete ich Ihnen doch in wehmütiger Erinnerung an frühere völlige Uebereinstimmung und in steter Dankbarkeit zu Ihrem Geburtstage die herzlichsten Grüße. Nur den einen Wunsch habe [ich], daß Sie vor Enttäuschungen über den Ausgang dieses Krieges bewahrt bleiben möchten. Ich für meinen Teil kann nie und nimmermehr dem Grundsatz beistimmen „Und willst du nicht mein || Bruder sein, so schlage ich dir den Schädel ein“, der dem verschärften Unterseebootskrieg zu Grunde liegt. Diejenigen der Regierung, welche diesen verhängnisvollen Schritt unternommen haben, konnten unmöglich daran denken, welche Folgen ein auf solche Weise errungener Sieg für Deutschlands Zukunft haben werden. Ich weiß aus vielen, vielen Gesprächen mit einfachen Soldaten, wie dort gedacht wird, wo die meisten Leiden ausgestanden werden.

Doch genug, hochverehrter Meister. Es nutzt ja nichts – Sie spotten des „Idealismus der Pazifisten“. Wir Pazifisten aber, aller Länder, wir werden die einzigen und gründlichsten Sieger sein. In unwandelbarer Treue bin Ihr ganz ergebener Schüler

CH. Thiele

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
11-02-1917
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 13112
ID
13112