Thiele, Carl Heinrich

Carl Heinrich Thiele an Ernst Haeckel, Jena, 5. Februar 1905

JENA, DEN 5. Februar 1905

Hochverehrter Herr Professor!

Groß ist zwar sicher immer noch die Zahl der Briefe, die Ihnen aus allen Teilen der Erde zugesandt werden, und es müßte daher Jeder, der Ihr aufrichtiger Anhänger ist, es vermeiden, jene Zahl noch zu vergrößern. Alleine – der Zweck dieses meines Briefes ist m. E. ein so eigenartiger, daß ich die Hoffnung hegen darf, er werde eine Ausnahmestellung innerhalb der vielen Briefschaften einnehmen.

Wenn ich überhaupt als Miteinwohner Jenas anstatt der persönlichen Unterredung die schriftliche Äußerung meiner Gedanken gewählt habe, so hat dies seinen Grund darin, daß ich Ihnen, hochverehrter Herr Professor, gern einen Einblick in meine bisherige geistige Entwicklung sowohl als in meine zukünftigen Absichten gewähren möchte. Ich betone ausdrücklich, daß || ich selbstredend nicht auf eine schriftliche Rückäußerung Ihrerseits rechne, mir vielmehr erlauben werde, in der nächsten Zeit mündliche Antwort in Ihrer Sprechstunde zu erbitten.

Wie Sie, hochverehrter Herr Professor, schon aus meinen mündlichen Äußerungen erfahren haben werden, habe ich schon seit längerer Zeit großes Interesse für die Weiterverbreitung und Vertiefung der naturwissenschaftlichen Weltanschauung empfunden. Obwohl ich nun in diese Sinne bisher immer gewirkt habe, soweit es meine Kräfte vermochten, so sehe ich doch immer mehr ein, daß eine nachhaltige, wirkungsvolle Propaganda mir nur dann möglich ist, wenn meine naturwissenschaftlichen Kenntnisse aus einem systematischen Studium hervorgehen. Und da erhebt sich nun die große Frage: Würden Sie, hochgeehrter Herr Professor, mir in meinem Alter und meinen Verhältnissen – ich bin verheiratet und Familienvater! – raten können, || jetzt noch das naturwissenschaftliche Studium von vorn zu beginnen? Mein guter Wille dazu ist vorhanden, und auch meine materielle Lage gestatten mir es, allein – und das ist das punctum saliens! – ich verfüge über eine außerordentlich mangelhafte Gesundheit, und könnte also deswegen vielleicht der Aufgabe nicht gewachsen sein! Meina sehr schwankender Gesundheitszustand, der sich hauptsächlich in jahrelanger schwerer Neurasthenie geäussert hat, ist ja auch Schuld daran gewesen, warum ich das mir vom Vater aufgezwungene juristische Studium im Jahre 1895 aufgegeben habe und seitdem nur meinen Lieblingsbeschäftigungen auf wissenschaftlichem Gebiete obliege. Der Schwerpunkt derselben lag in Bonn, wo ich seit meiner Verheiratung 1896 bis 1898 wohnte, auf kunsthistorischem und sozialpolitischem Gebiet,b von 1898 bis 1903 in Cassel auf dem des „Evang. Bundes“, wobei ich auch ganz || „Ansehnliches“ geleistet und erreicht habe. Die Ueberzeugung brach sich aber bald bei mir Bahn, daß es mit dem konfessionellen Kampfe nicht getan ist, daß vielmehr eine auf naturwissenschaftlicher Erkenntnis fußende Weltanschauung allein erfolgreich gegen alle kulturfeindlichen Mächte kämpfen kann. Mein Ideal ist es daher, mich in den Dienst der guten Sache zu stellen und rücksichtslos-unabhängig wie ich zum Glück bin! – dafür einzutreten. An Ihnen, hochverehrter Herr Professor, liegt es nun allein, mich mit Ihrem gütigen Rat auf den Weg zu weisen, der Ihnen der erfolgreichste zu sein scheint.

Verzeihen Sie mir gütigst die vorgetragene Bitte! Dieselbe entspringt einzig der tiefen Verehrung, die ich Ihnen zolle, und dem Interesse für die gute Sache.

Mich Ihnen verbindlichst empfehlend zeichne in vorzüglichster Hochachtung

ganz ergebenst

C. H. Thiele

a korr. aus: meine; b gestr.: so

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
05-02-1905
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 13100
ID
13100