Karl Alfred von Zittel an Ernst Haeckel, München, 26. Dezember 1870

München, den 26ten Dezember 1870

Verehrtester Freund und College!

Obwohl mir Ihr freundliches Schreiben vom 23ten, das ich soeben erhalten habe, keine unerwartete Nachricht brachte, so beschäftigt mich dieselbe doch lebhaft. Daß ich in Ihrem persönlichen und im deutsch-oesterreichischen Interesse wünschen muß, Sie möchten die Berufung nach Wien annehmen, kann ich nicht verhehlen, aber anderseits zerstört mir dieselbe eine lang gehegte Hoffnung, Sie einstens als Collegen in München begrüßen zu dürfen. Wir hätten hier Ihren kräftigen Arm im Kampf gegen die bayerischen Ultramontanen nur zu gut gebrauchen können.

Ich will übrigens meine egoistischen Wünsche und Hoffnungen bei Seite setzen und Ihnen so aufrichtig als möglich meine Anschauungen der Wiener Verhältniße darlegen. Meine Kenntniß der Universitäts-Angelegenheiten beschränkt sich trotz eines längern Aufenthaltes in Wien auf ein bescheidenes Maß, ich hatte mich eben || habilitirt, als ich in meine Heimath (Baden) zurückgerufen wurde. Mit den Herrn aus der philosophisch-historischen Abtheilung bin ich kaum in Berührung gekommen, dagegen habe ich die Mehrzahl der Naturforscher mehr oder weniger genau kennen gelernt. Soviel mir auch aus spätern Mittheilungen bekannt wurde, sind die collegialischen Verhältniße so angenehm, wie in jeder großen Stadt. Man hat freie Wahl des Umgangs und findet in einzelnen Familien, wie bei Littrow, einen sehr gewählten Kreis geistig bedeutender Menschen. Unter den jüngern Professoren der philosophischen Fakultät werden Sie ein tüchtiges Streben und manche angenehme Persönlichkeit finden.

Mit dem zoologischen Institut der Universität steht es meines Wissens schlimm; es existirt ein dürftiges, vom k. k. Hof-Naturalien-Kabinett völlig getrenntes Museum, aber soviel ich weiß kein zootomisches Laboratorium. In dem jetzigen, scheußlichen Universitätsgebäude würden sich bedeutende Veränderungen kaum lohnen, dagegen wäre vielleicht gerade jetzt || eine günstige Gelegenheit, den bevorstehenden Umzug zu einer gründlichen Neugestaltung der bisherigen mangelhaften Verhältniße zu benützen.

Könnten Sie es durchsetzen, daß Sie neben der Profeßur eine bestimmte Stellung am k. k. Hof-Naturalien-Kabinett (vielleicht mit dem Titel als 2ter Direktor oder 1ter Custos) erringen könnten, so würden Sie damit nicht allen Ihre persönlichen a wissenschaftlichen Interessen bedeutend fördern, sondern auch durch die damit angebahnte Loslösung dieser Institute von dem ausschließlichen Einfluß des Oberstkämmerer-Amtes den naturwissenschaftlichen Anstalten in Wien einen wesentlichen Dienst erweisen. Ich weiß, daß eine derartige Forderung auf Widerstand stoßen dürfte u. namentlich den Beamten des Naturalienkabinets nicht angenehm wäre; allein es scheint mir die Anschauung mehrerer dieser Herren, die sich in erster Linie als Beamte, und erst in zweiter als Gelehrte fühlen, keiner übermäßigen Schonung bedürftig zu sein. ||

Vielleicht würde Direktor Redtenbacher, wenn ihm die Sache mit einiger Vorsicht plausibel gemacht würde, selbst die Hand zu einem Arrangement bieten.

Ueber die Gehaltsverhältniße wird es mir schwer ein Urtheil abzugeben, da ich in Wien als Junggeselle gelebt habe und deßhalb keine Anschauungb über die Bedürfniße eines geordneten Haushaltes besitze. Vor einigen Jahren galt übrigens eine Besoldung von 5000 Gulden für ganz anständig.

Sie würden bei Ihrem hervorragenden Lehrtalent in Wien eine sehr bedeutende Wirksamkeit entfalten können, denn obwohl die Durchschnittsbildung der oesterreich’schen Studenten allerdings weit unter der ihrer norddeutschen Collegen steht, so existirt in Oesterreich ein sehr reges Interesse für Naturwissenschaften und namentlich Zoologie und Botanik erfreuen sich einer ungewöhnlicehn Popularität. Unter den Vertretern nahestehender Fächer zeichnet sich Sueß vor Allen durch Genialität und bedeutende Rednergabe aus, leider wird er seit einigen Jahren fast gänzlich von politischen Interessen absorbirt. Er könnte Ihnen als sehr || gründlicher Kenner der oesterreich’schen Verhältniße die genauesten Aufschlüße ertheilen, allein ich habe schon seit mehreren Monaten keine Nachrichten von ihm erhalten und weiß nicht genau, welche Stellung er zu Ihrer Berufung genommen hat.

Ich empfehle Ihnen dagegen dringend, sich mit meinem Freund Gustav Tschermak, Prof. der Mineralogie und Direktor des Hof-Mineralien-Kabinets ins Benehmen zu setzen. Er nimmt das wärmste Interesse für Ihre Sache und wird Ihnen gerade durch seine Vertrautheit mit den Verhältnißen an der Universität und an den Hof-Anstalten die nützlichsten Winke geben können.

Seiner Bereitwilligkeit dürfen Sie vollkommen sicher sein, doch will ich ihm zum Ueberfluß heute noch ein Paar Zeilen schreiben.

Es würde mir schwer fallen, gerade jetzt, wo sich Deutschland eine neue und schönere Zukunft eröffnet, das Vaterland zu verlassen, um es mit dem politisch zerrütteten und fast hoffnungslosen Oesterreich zu vertauschen. Aber wenn die Wirksamkeit, die literarischen und sonstigen || Hülfsmittel, von denen der Naturforscher abhängt, so große Contraste, wie Jena und Wien bieten, so begreife ich, daß das nationale Interesse dem wissenschaftlichen weichen muß.

Die Hoffnung, Sie einstens für Deutschland zurück zu gewinnen, wird freilich geschmälert, aber doch nicht vollständig beseitigt.

Ich schließe mit dem aufrichtigsten Wunsche, daß sich die schwebende Frage in der für Sie und Ihre Familie wünschenswerthesten Weise lösen möge und verbleibe mit besten Glückwünschen zum neuen Jahr

in alter Verehrung

Ihr ergebenster

Zittel.

Nachmittags

P. S. Zu Eichstaedt liegen 2 neue Medusen aus dem lithographischen Schiefer zu Ihrer Verfügung bereit.

Ich komme eben von unserm Freunde Siebold, auch er meint, Sie sollten sich für Wien entscheiden, aber wo möglich die Verhältniße vorher an Ort und Stelle ansehen. Das wäre freilich das Beste!

a gestr.: Stell; b gestr.: Xxx, eingef.: Anschauung

Brief Metadaten

ID
13031
Gattung
Brief ohne Umschlag
Entstehungsort
Entstehungsland aktuell
Deutschland
Entstehungsland zeitgenössisch
Deutsches Reich
Datierung
26.12.1870
Sprache
Deutsch
Umfang Seiten
6
Umfang Blätter
3
Format
14,1 x 22,0 cm
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 13031
Zitiervorlage
Zittel, Karl Alfred von an Haeckel, Ernst; München; 26.12.1870; https://haeckel-briefwechsel-projekt.uni-jena.de/de/document/b_13031