Strasburger, Eduard

Eduard Strasburger an Ernst Haeckel, Nizza, 25. Dezember 1876

Nizza d. 25/12 1876.

Theurer Freund!

Dein lieber Brief kam an, da wir eben um den Weihnachtsbaum versammelt waren, und so möchte ich denselben auch als liebes Weihnachtsgeschenk betrachten. Dass mir hier Niemand so fehlt wie Du kann ich Dir wohl versichern, und wenn es mir auch sonst nicht sehr nach Jena bangt, so freue ich mich doch aufrichtig auf den Augenblick, wo ich Deine treue Hand wieder || drücken werde. – Nach Tübingen wäre ich wohl sicher nicht gegangen, nichts destoweniger ärgert es mich das Pfitzer dorthin berufen wurde. Es ist das entmutigend für die anständigen Leute und hart für den dortigen ausserordentlichen Professor Hegelmaier, der doch bei weitem mehr als Pfitzer geleistet hat. Letzterer hat seit seiner Habilitationsschrift über Diatomeen nichts veröffentlicht. In Wiesbaden hielt er einen kurzen Vortrag über die Bewegung des Saftes in den Pflanzen und zweia Jahre später reichte || er denselben herum, als Seperatabdruck (zwei Seiten stark) aus dem Heidelberger Naturwissenschaftlichen Verein. Dafür hat er aber in Florenz Hofmeister’n den Ueberzieher nachgetragen und wenn er in die Nähe eines der Hofmeisterschen Gegner kam, nach entgegengesetzter Richtung geschaut und gethan als wenn er ihn nicht sehe. Das dieser Mensch, der von Hause aus Apotheker ist, der keinerlei gründliche Bildung besitzt, und wissenschaftliche Leistungen kaum aufzuweisen hat, trotzdem den zweiten Ruf erhält ist nur ein Beweis für die Miserabilitaet Hofmeisters. || sowie ein Zeichen dafür, b wie wenig Anhänger letzterem geblieben. Nun ist also die Heidelberger Stelle wieder offen! Das wäre freilich ein Ruf der mich tentiren könnte, und die Aussicht dass wir uns einmal alle drei dort wiederfinden sollten, wäre zu verlockend. Freilich würden auch dort Hofmeister und sein Famulus Pfitzer Alles in Bewegung setzen um meine eventuelle Berufung zu hintertreiben; andererseits bleibt mir wohl nichts andres zu thun übrig als den Ausgang der Sache abzuwarten. So wie die Dinge stehen wage ich mir kaum || Hoffnungen zu machen. Nun, in Jena ist es ja auch nicht schlecht, das heisst so lange Du noch da bist; woran es im Uebrigen dort fehlt, ist Dir ebensogut wie mir bekannt. Von Dresden habe ich keine weiteren Nachrichten erhalten; ich stelle so exorbitante, wissenschaftliche Vorbedingungen, dass die Leute wohl von allen weiteren Schritten absehen werden; sie dürften sich nach einem bescheideneren Botaniker umsehen. Ich hätte mich aber in der That für Dresden nur dannc entschliessen können, wenn mir dort wissenschaftliche Vortheile geboten worden wären, geeignet die Nachtheile der Stellung an einem Polytechnicum || aufzuwiegen.

Ich bin eben mit meinen Untersuchungen über Acetabularia fertig. In den Fächern des Hutes werden grosse „Sporen“ erzeugt; aus dem Inhalte der letzteren gehen nach einigen Wochen zahlreiche Schwärmer hervor; diese Schwärmer copulieren, doch nur dann wenn sie verschiedenen „Sporen“ entstammen, letztere sich aber völlig gleichzeitig geöffnet haben; so werden Dauerformen erzeugt die erst nach einigen Monaten sich weiter entwickeln. Sie erzeugen zuerst Vauscheria-ähnliche Pflänzchen, aus denen erst die eigentlichen Acetabularenformen hervorgehen. – Letztere Angaben über die Weiterentwicklung der Dauer-||sporen entnehme ich einem Briefe, den mir de Bary neuerdings geschrieben. Ich hatte nämlich durch Krieg in Erfahrung gebracht, de Bary hätte schon vor Jahren die Entwicklungsgeschichte der Acetabularie verfolgt und auch seine Untersuchungen zum Abschluß gebracht. Das veranlasste mich bei de Bary anzufragen, vornehmlich auch danach, warum er seine Untersuchungen nicht veröffentlicht habe. – Ich erhielt zur Antwort, die Bildung der Dauersporen wäre ihm dunkel geblieben, und falls ich dieselbe aufzuklären vermöchte, könnten wir die Arbeit gemeinsam veröffentlichen. Ich bin nun auf letzteren Vorschlag neuerdings eingegangen, unter den Bedingungen, dass jeder seinen || Theil verfasse und unterzeichne.

Ich habe mich gefreut über Deine Nachrichten, unseren Naturwissenschaftlichen Verein betreffend. Den E.E. nehme ich bei dem sonst Erfreulichen mit in den Kauf. Meine Siphoneenuntersuchungen die noch im Wachsen begriffen sind, stehen Dir natürlich für die „Denkschriften“ in 4° zur Verfügung. – Ich wünsche von Herzen dass es Dir und den lieben Deinigen im nächsten Jahre recht gut gehen möge. Viele Grüsse von uns beiden an Deine liebe Frau.

Ich drücke Dir herzlich die Hand

Dein E. Strasburger

Verzeihe dass ich Dir einen so unordentlich geschriebenen Brief sende, aber ich komme eben zu Fuss aus Eza zurück und bin etwas müde, daher schlecht zum Schreiben aufgelegt.

Was hat es für ein Bewandtniss mit der neuen Zeitschrift Kosmos, an der ich aufgefordert werde mit Theil zu nehmen. Der Prospectus ist sehr schlecht verfasst.d

Hoffentlich zieht im nächsten Semester Detmer nicht mit seiner Frau in unser Institut.e

a korr. aus: drei; b gestr.: f; c eingef. mit Einfügungszeichen: dann; d Text weiter am oberen Rand von 4. 4: Was … verfasst. e Text weiter am linken Rand von S. 4: Hoffentlich … Institut

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
25-12-1876
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 12725
ID
12725