ZOOLOGISCHES INSTITUT
DER
UNIVERSITAET
CZERNOWITZ.
CZERNOWITZ, DEN 13./VI.1899
Hochverehrter Herr College!
Sie hatten die Güte, mir neuerdings eine Ihrer bedeutsamen Schriften, „Über unsere gegenwärtige Kenntniss vom Ursprung des Menschen“ betitelt, zuzusenden, welche ich mit demselben Interesse gelesen habe, wie in meiner Studienzeit Ihre Werke, die für mich führend gewesen, und die Alles umfassende systematische Phylogenie der jüngsten Jahre.
Leider bin ich nicht in der Lage, dermalen eine meiner bescheidenen Gegengaben zu bieten, da die Übernahme der Professur in Czernowitz mich auf Jahre von der Vollendung der halbfertigen Monographie der Echinoderiden abhalten wird. Es sind nicht die Verpflichtungen der Lehrtätigkeit, sondern die unglaubliche Verwahrlosung des Institutes und die Verlotterung der Sammlung, welche mich am Arbeiten hindern. Als ich das Institut übernahm, fand ich es aller Instrumente, Apparate und Bedarfsartikel entblößt, nicht einmal Objectträger und Deckblättchen waren vorhanden. Das Inventar verzeichnete verrostete Gießkannen, zerbrochene Stereoskope, Violinen, Grillenhäuschen u. dergleichen. An Mikroskopen gab es 3 Zeiss aus dem Jahre 1849, davon ein Stativ ohne Mikrometerschraube, die || beiden anderen mit erblindeten Spiegeln und überrissenen Mikrometerschrauben.
Der Zustand der Sammlung wäre hinsichtlich der Technik vor 40 Jahren vielleicht gerechtfertigt gewesen, die Erhaltung der Objecte ist dazu eine so trostlose, daß eine vollständige Neuanlage platzzugreifen hat.
Die Schwierigkeit meiner Lage wird dadurch verstärkt, daß die dermaligen innenpolitischen Verhältnisse es sehr schwer machen, für die deutsche Universität Czernowitz Geldmittel zu erreichen.
Ich habe bis jetzt nur erreichen können, daß ein Assistentenposten geschaffen wurde und daß ich für das nächste Jahr an die Anschaffung von modernen Mikroskopen für mich und die Lehramtscandidaten werde gehen können. Früher war der Professor der Zoologie mit dem Diener, der ein vollkommener Analphabet ist, allein. Die Erhöhung der Dotation jedoch, die Vorbedingung einer weiteren Entwicklung des Institutes, konnte ich nicht durchsetzen. Die hiesige Dotation beträgt gerade die Hälfte derjenigen an den polnischen und czechischen Universitäten und an dem Institute in Innsbruck und steht weit unter dem Existenzminimum.
Ich habe mir erlaubt, die Verhältnisse hier darzulegen, um eine Erklärung für das dermalige Versiegen der Quelle meiner wissenschaftlichen Thätigkeit zu bieten und mein Bedauern darüber auszusprechen, daß ich äußerer Umstände halber nicht in der Lage || bin, so wie ich es wollte, gleichzeitig mit der Übersendung einer Arbeit meinen verbindlichsten Dank für Ihre Liebenswürdigkeit auszusprechen.
Vielleicht gestatten Sie, hochgeehrter Herr Professor, noch, daß ich Sie bitte, jenen Ihrer Schüler, der Lust hätte, einen Assistentenposten hier anzunehmen, darauf aufmerksam zu machen, daß die Stelle vom 1. November frei sein wird und die Neuernennung am 1. Juli stattfindet.
Mit dem Ausdrucke der größten Hochachtung
Ihr ergebenster
Carl Zelinka