Fürbringer, Max

Max Fürbringer an Ernst Haeckel, Jena, 13. Mai 1892

Jena, 13.5.92.

Hochverehrter Freund!

Leider werde ich jetzt noch ein paar Tage Stubenarrest haben müssen. Wie sehr leid mir das, namentlich mit Rücksicht auf die Semon’sche Sendung, die Dir vorzuführen ich nur schwer erwarten kann, leid thut, bedarf keiner weiteren Auseinandersetzung. In meinem tiefen Katarrh und der völligen Abgeschlagenheit liegt entschieden etwas Influenzaartiges; das liebe Mädchen aus der Fremde soll übrigens wieder hier weilen.

Heute möchte ich Dir nur eine kurze Mittheilung, unseren Semon betreffend, machen. Gleich nachdem er geschrieben, dass er gern länger in Queensland bleiben möchte, hatte ich meine ursprüngliche Absicht, ihm wenn möglich auch etwas aus der Bose-Stiftung zuzuwenden, in ein lebhafteres Tempo gebracht, auch zu diesem Zwecke mit dem Curator und Biedermann gesprochen, bei welchen ich vollstes Verständnis und Entgegenkommen gefunden. Müller habe ich zu diesem Zwecke ein paar Mal vergeblich aufgesucht.

Am letzten Mittwoch hatten wir nur Concess. Da ich leider nicht persönlich erscheinen konnte, verfasste ich einen || in der Eile eingehenden begründeten Antrag, die Facultät möge beschliessen, dass Semon zur Weiterführung seiner Reise eine grösstmögliche Summe (mindestens 2000 Mk) aus der Bose-Stiftung gewährt werdea. Zugleich schrieb ich an Müller und Biedermann, sowie an den Decan, um deren Unterstützung meiner Anträge bittend.

Wie es scheint – Müller machte mir eine kurze Mittheilung darüber, die ich aber weil im Fieber nicht recht verstanden – hat mein Antrag Aussicht angenommen zu werden, aber – wie das ja bei der Weisheit der Facultäten zumeist der Fall ist – mit Beschränkungen und Verclausulirungen, die ihn möglicher Weise so umgestalten werden, dass ich ihn am liebsten wieder zurückziehen möchte. Andererseits will die Gegenpartei, Binswanger an der Spitze, das betr. Geld oder einen Theil desselben Ziehen zuwenden. Doch kann ich für die absolute Richtigkeit meiner Aussagen nicht einstehen, muss jedenfalls warten, bis ich wieder ausgehen und Authentisches erfahren kann.

So viel aber steht mir sicher, dass es bei unseren grossdenkenden Collegen im Hause nicht leicht sein wird, eine – Deinen grossartigen Gaben gegenüber bettelhafte Summe herauszuschlagen. Und doch möchte ich auch auf diese || in Semons Interesse nicht gern verzichten; wenn auch nur kleiner Beitrag herauskommt, es ist doch ein Beitrag.

Unter den jetzigen Umständen dürfte aber das Bekanntwerden, dass Ritter jetzt wieder 6000 Mk. gestiftet, den Effect bei den meisten Mitgliedern der Facultät haben, dass nun natürlich Semon nichts aus der Bose-Stiftung brauche, dass aber Andere, wie z. B. Ziehen (die nicht Haeckel und Ritter hinter sich hätten), nach Recht und Billigkeit vorwiegend oder ausschließlich bedacht werden müssten. Deswegen möchte ich für meine Person Deine gestrige herrliche Mittheilung als eine mir vertraulich gewordene auffassen, so lange, als das Seckel der Bosestiftung noch nicht sich für Semon geöffnet hat. Ist das geschehen, so halte ich es für meine Pflicht, nach Möglichkeit zu sorgen, dass die Grossthat Ritters bekannt werden, auch wider seinen Willen. Solche leuchtende Beispiele sollten nicht verborgen werden. Natürlich werde ich nicht eher aber den Mund öffnen, bis ich darüber Deine bestimmtere Ansicht und Willensmeinung eingeholt.

Ich erlaubte mir, Dir diese langweiligen Mittheilungen zu machen, auch mit Rücksicht auf den heutigen Referirabend, der ja leider || eher ein offenes Sieb als eine geschlossene Gesellschaft ist. Aber selbstverständlich bin ich mit jeder Auffassung Deinerseits von vorn herein ganz einverstanden.

Mit herzlichen Grüssen

Dein treu ergebener

M. Fürbringer.

a eingef. mit Einfügungszeichen: werde

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
13-05-1892
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 1267
ID
1267