Fürbringer, Max

Max Fürbringer an Ernst Haeckel, Jena, 16. April 1892

Jena, 16.4.92.

Hochverehrter Freund!

dass mir der hofräthliche Titel, den ich Staatsrath Eggelings grossem Wohlwollen verdanke und darum zugleich auch auf Deinen gütigen und fürsorglichen Schutz zurückführe, mir nun auch Deinen lieben Brief mit den freundlichen Glückwünschen von Dir und Deiner lieben Frau Gemahlin gebracht hat, macht ihn mir besonders werth. Wohl weiß ich, wie mein grosses, in olympischen Höhen thronendes Vorbild auf alle Hofräthe und Geheimräthe dieser Welt lächelnd herabschaut und immer herabgeschaut hat; aber der gewöhnliche Sterbliche hat sich „Quod licet jovi, non licet bovi“ gesagt und hat darum den Titel als ein sichtbares Zeichen auch Deiner Huld bescheidentlichst und dankbarlichst acceptirt. Jetzt, durch so viele freundliche Glückwunsche gehoben, fühle ich, dass eigentlich schon von Geburt ab hofräthliches Blut in meinen Adern || gekreist haben muss, und ich stelle mir vor, wie der Abglanz davon auch den Schweizerhöhenabenden eine höhere Weihe verleihen wird.

Von Herzen hat uns gefreut, von Deinem und Deiner lieben Frau Befinden so gute Nachrichten zu erhalten. Dein Brief berührte uns, die wir in stetem Nordost sitzen und auch heute Nacht noch 3° R. Kälte hatten, wie ein echter hesperischer Gruss und grosse Sehnsucht nach diesen Gefilden bewegte uns. Aber wir sind hier, durch lieben Verwandtenbesuch, fester genagelt als je. Herzliche Wünsche senden wir für weitere herrliche Tage, für ein fröhliches Wiedersehen und für die völlige dauernde Herstellung Eurer Gesundheit und Frische.

Wie bedauern wir Gegenbaurs, die daran denken müssen, die Riviera früher zu verlassen! Hoffentlich bessert sich das Befinden von Frau Gegenbauer || und schenkt Ihnen damit noch weitere glückliche Tage unter einem blaueren Himmel und einer leuchtenderen Sonne.

Auch hier beginnt schüchtern ein bischen Frühling. Hätten wir nur ein paar milde Regentage, so würde bald alles grün sein. So aber sind Bäume und Sträucher noch erstarrt und verschmachtet. Doch im Schutze der Wälder und an geschützten Stellen der Anhöhen blühen Pulsatillen, Leberblumen, Daphne und weisse Anemonen in grosser Fülle. Meine Frau, die vor einigen Tagen ihren ersten Spaziergang nach der Eule machen durfte, war sehr entzückt von den Blumensträussen, die wir nach Hause brachten.

Wenn Gegenbaur am 25. April wieder in Heidelberg ist, denke ich an diesem Tage auf 1–2 Tage dahin zu gehen. Vor dem 28. IV. scheint hier kaum Jemand anzufangen. ||

Bei dem armen Frommann war ich vor einigen Tagen. Es geht ihm sehr schlecht, colossales Hydrops (wie es scheint, hochgradige Schrumpfniere), fortwährende Lungenembolien, Bluthusten, Hirnanaemie u. s. w. Trotzdem hat er noch ein bisschen Humor bewahrt. Wenn nicht ein halbes Wunder geschieht, fürchte ich werden wir ihn nicht mehr in den Referirabenden sehen.

Jena ist sehr still jetzt; fast alle Bekannten sind ausgeflogen.

Doch nun nochmals herzliche Wünsche und die allerbesten Grüsse Dir und Deiner lieben Frau Gemahlin von uns Beiden

Dein treu ergebener

M. Fürbringer.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
16-04-1892
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 1265
ID
1265