Fürbringer, Max

Max Fürbringer an Ernst Haeckel, Amsterdam, 5. Januar 1888

Amsterdam, 5.1.88.

Hochverehrter Herr Professor!

Haben Sie herzlichen Dank für die gütige Zusendung Ihres Systems der Siphonophoren, das ich mit dem grössten Interesse und, so weit meine geringe Spezialkenntniß sich erlauben darf das auszusprechen, mit vieler Bewunderung gelesen habe. Welche Klarheit und Übersicht ist dadurch in die so verschieden beurtheilte Classe gekommen!

Mein Dank für Ihre Sendung ist dieses Mal kein so hoffnungsloser wie bei den Früheren, denn endlich, endlich werde ich im Frühjahre so glücklich sein, mich auch mit einer umfangreichen Arbeit, an der ich seit Jahren gearbeitet, revanchiren zu können. || Sie werden wenigstens aus derselben ersehen, daß ich trotz der hiesigen grossen Ansprüche an meine Lehrtätigkeit und trotz der Ungunst des hiesigen Klimas, das mir in manchem Jahre nur ein Arbeiten in den in Deutschland verbrachten Ferien erlaubte, nicht müssig gewesen bin. Hätte ich die Arbeit in Deutschland drucken lassen, so wäre sie schon längst in Ihren Händen.

Bei meinen Untersuchungen, die selbstverständlich ganz im Geiste der von Ihnen und Gegenbaur geschaffenen Methode ausgeführt wurden, war es mir eine grosse Freude, nicht blos im morphologischen Theile, sondern auch bei manchen Resultaten des systematischen Theiles meiner Arbeit Ihnen zu begegnen und verschiedene || Ihrer schon in der Generellen Morphologie vertretenen genetischen Relationen zu bestätigen. Und ich glaube, daß ich dabei mit so viel Vorsicht verfahren bin, daß ich wohl mannigfach angegriffen werden mag, daß ich aber auf die Thatsachen und Gründe gespannt bin, die meine bezüglichen Resultate widerlegen sollen.

Empfangen Sie zugleich mit allen Ihrigen meine herzlichsten Glückwünsche zum neuen Jahre. Ob es mir das Glück schenken wird, Ihnen persönlich näher zu kommen? Der Gedanke ist so schön, daß sich das Schicksal der Mühe überhoben glauben wird, ihn zu erfüllen, und ich will mich auch nicht mit Illusionen tragen, denen doch nur || die Enttäuschung folgen würde. So weit es mir aber das hiesige Klima gestatten wird, werde ich unentwegt fortschreiten, im Geiste meiner Lehrer mit allen disponibeln Kräften zu arbeiten und zu kämpfen für jenen idealen Zusammenhang, welcher der oberflächlichen, specialisirenden und zerstückelnden „Exactität“ unserer Tage eine Thorheit und doch allein das Wahre und Unvergängliche in der Wissenschaft ist.

Mit herzlichem Gruße und in dankbarer Verehrung

Ihr ganz ergebener

M. Fürbringer.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
05-01-1888
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 1241
ID
1241