Aallender, Ludwig

Ludwig Aallender an Ernst Haeckel, Schloss Bürglen bei Kandern, 14. Oktober 1878

Schloß Bürglen bei Kandern

in Baden. 14. Oktob. 78.

Verehrtester Herr Professor,

Die heutige Post wird Ihnen ein Exemplar meiner Bearbeitung von John Morley’s Essay on Compromise ins Haus geliefert haben.

Vielleicht erinnern Sie sich noch, daß wir auf dem Spaziergang durch die Saalwiesen, a vor grade anderthalb Jahren, als ich meine Cousine, Frau Tesdorpf, in Jena besuchte und die Freude hatte mit Ihnen persönlich bekannt zu werden ‒ von diesem Buche ziemlich ausführlich gesprochen haben. Ich hatte damals schon die Absicht eine deutsche Bearbeitung || desselben zu unternehmen. Nur ist es mir nicht gleich gelungen einen ebenso unternehmungslustigen Verleger zu finden.

Das Buch war schon gedruckt und meine etwas voluminös ausgefallene Einleitung bereits unter der Presse, als mir auf der Reise am Schaufenster eines Buchladens in Stuttgart Ihre Impavidi Mogediamus-Broschüre zu Gesichte kam. Ihre Worte waren mir eine rechte Herzerquickung, wenn auch die nächste Wirkung derselben darin bestand, daß ich mich im Hôtel an den Schreibtisch setzte, und der ohnehin schon allzulangen Einleitung noch ein paar weitere Blätter anfügte. Hoffentlich sind Sie || mit der Deutungb einverstanden, welche ich, auf Seite LXXVII der Einleitung, Ihrem Wahlspruch gegeben habe. Wir dürfen uns in der That nicht darauf einlassen, den Nachweis zu führen, daß die Wahrheit nicht gefährlich sei. Wir setzen uns sonst nur allzuleicht einem bekannten Advokatenkunstgriff aus, welcher darin besteht, daß man zwar den gegnerischerseits versuchten Beweis als völlig verfehlt darstellt, aber gleichzeitig aus der Entwertung solchen Beweises das Zugeständniß entnimmt und bestens verwerthet, es habec der Gegner selbst durch den Versuch die Thatsache zu beweisen, die entscheidende Bedeutung der Thatsache anerkannt. Ich meine, wir || stehen der Wahrheit zum Mindesten so gegenüber, wie der echte Künstler seiner Kunst gegenüber steht. Und, so wenig, wie er sich dazu herbeilassen wird, zu diskutiren, ob die Werke des Phidias oder des Raphael einen Nutzen haben, ebensowenig werden auch wir über Nützlichkeit oder Schädlichkeit der Wahrheit nur in einen Disput einlassen dürfen – und zwar im Interesse der guten Sache selbst! – Doch ich darf Ihre bis auf’s Aeußerste in Anspruch genommene Zeit nicht länger brandschatzen. Daß Sie mich auf’s höchste ehren und erfreuen würden, wenn Sie meiner Arbeit in einer oder der andren Weise zur Verbreitung verhelfen wollten brauche ich nicht hinzuzufügen.

Zur Erklärung der || Ortsdatirung dieser Zeilen darf ich vielleicht noch bemerken, daß Bürglen eine Filiale des alten Benediktiner-Klosters St. Blasien und ehemalige Residenz des Fürst-Abtes war. Jetzt ist es zwar längst in weltliche Hände übergegangen. Ich habe aber die alten Erinnerungen wieder aufgefrischt, indem ich mich seit einem halben Jahre als Mönch frei eingemiethet habe, um inmitten einer herrlichen Natur, gestärkt durch freie Waldluft und gehoben durch den Anblick der schneegekrönten Alpenkette, an einer mir gar sehr am Herzen liegenden || philosophischen Untersuchung (erkenntnistheoretischen Inhalts) zu arbeiten, deren Ergebnisse ich Ihnen vielleicht über Jahr und Tag einmal werde vorlegen dürfen.

Inzwischen verharre ich in Verehrung und Ergebenheit

Der Ihrige

Ludwig Aallender

a gestr.: den; b gestr.: Uebersetzung; eingef.: Deutung; c gestr.: daß; eingef.: es habe

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
14-10-1878
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 11486
ID
11486