Ihering, Hermann von

Hermann von Ihering an Ernst Haeckel, Rio Grande do Sul, 24. März 1884

Rio Grande 24.III.84

Prov. Rio Grande do Sul

Brasilien

Brief Adresse: Snrs. Holtzweissig, Breier und Co für Herr Dr. Hermann von Ihering

Rio Grande.

Verehrter Herr Professor!

Als Sie seiner Zeit bei meiner Abreise von Deutschland so liebenswürdig waren mir einige recommandirende Zeilen zu senden, ersuchten Sie mich auch eventuell nach Medusen fuer Sie zu fahnden. Bisher sass ich am Urwalde; jetzt wohne ich seit kurzem in Rio Grande wo auch diese Thiere mir unter die Hand kommen. Wir haben hier stark salziges Brackwasser mit wechselndem Salzgehalt. Die Fauna ist merkwürdig gemischt, an Mollusken auch 2–3 Brackwasserformen beschraenkt, an Fischen fast rein marin. Auch Medusen sind nicht selten, jedoch vermutlich mehr von den Winden hereinverschlagen als hier auch sich entwickelnd – vielleicht als mit Ausnahme von 1–2 Arten. Ich komme bisher || wenig aufs Wasser, da die Bootfahrten zu theuer sind; und auch nicht regelmaessig Medusen angetroffen werden. Was ich bisher erlangte war theils am Strande gesammelt, theils von den Fischern bezogen. Die Exemplare lassen dann natürlich viel zu wünschen übrig. Für histologische Zwecke wohl unbrauchbar sind sie für anatomische Zwecke noch leidlich gut. Ich möchte Sie nun fragen, ob Sie auch auf solche Praeparate reflektiren und ferner was Sie zur Conservirung rathen, denn die grossen faust-kopfgrossen Quallen kann man ja doch nicht mit Osmium behandeln. Ich nehme bisher Pikrin. Haben Sie damit Erfahrungen und wie lange lassen Sie selbst dann einwirken?

Ich hatte bisher ausser Velella, Physalia, Porpita ca 3–4 Medusen. Eine ist wie mir scheint eine Liriope. Sie ist 4strahlig und hat vom Mundstiel bis zur Peripherie in jedem Radius eine dichte Tentakelaehre (Knospen?) Am Rande kleine Tentakel, sowie längere von 20–30 ctm, deren starke Ringelung wohl bedeutende Contraction anzeigt.

Einige mal hatte ich Charybdea haplonema Fritz Müller. Ich gab über diese Art eine Notiz im Zoologischen Anzeiger, da sie mir ein neues Genus || darstellen zu müssen scheint (Ladislavia m) Soll es wahr sein, dass Charybdea in der Tiefe lebt, so waere auch dies ein Unterschied, denn hier lebt das Thier im seichten Wasser. Ich habe 1 oder 2 Exemplare für Sie conservirt, die zu Ihrer Disposition stehen, sofern Sie auf die nur maessige Conservirung Rücksicht nehmen wollen.

Am interessantesten ist mir bisher eine Crambesside, über welche ich hoffe von Ihnen genauere Auskunft erhalten zu können. Am häufigsten hatte ich Thiere bis zu 8 Ctm. Durchmesser. Die acht paarweis gruppirten Arme haben eine einfache continuirliche Krausenreihe sind am Ende als etwas gespalten. Es sind 4 grosse Genitalöffnungen da, an deren Mündung die Stirnwand eine Klappe (Tasche) traegt. Genitalorgan einfach, zusammenhaengend. [Zeichnung] || Ich hielt das Thier erst für Crambessa, zumal ja Sie auch eine Brackwasser Art im Tojo fanden, allein die hat ja 8 Randlappen zwischen ja 2 Sinneskörpern. Diese Lappen waren bei einem Exemplar von 12 Ctm Durchmesserdunkel blauschwarz. Ob das Alters- oder Species-Differenz ist weiss ich noch nicht.

Kennen Sie diese Gattung oder Art?

Sagen Sie mir doch bitte, welchen Werth pro Stück etwa diese oder eventuell andre Quallen haben, damit ich weiss, ob es lohnt sich auf ihren Fang zu legen, resp. Auslagen dafür zu machen. Ich sende alle nicht für das Rio Museum bestimmten Naturalien an G. Schneider in Basel, durch den sie zu beziehen sind. Ich stehe Ihnen oder andren Collegen auch gern für andre Sammlungen oder anatomisches Material zu Diensten, sofern sich eine angemessene Honorirung desselben machen laesst, da hier alle Auslagen auch Transport etc. sehr hoch kommen. Es sollte mich sehr freuen, wenn Sie mir bald mittheilen koennten, dass Sie die Bearbeitung hiesiger Medusen übernehmen mögen und mir bezgl. Winke geben wollten. Sollten Sie mich durch irgendwelche Literatur erfreuen koennen, so erbitte ich selbe durch die Buchhandlung von R. Friedlaendler in Berlin.

In der Hoffnung, dass es Ihnen gut geht, bleibe ich in bekannter Hochachtung

Ihr ergebenster

Dr. Hermann von Ihering

 

Letter metadata

Empfänger
Datierung
24.03.1884
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 11423
ID
11423