Ihering, Hermann von

Hermann von Ihering an Ernst Haeckel, Göttingen, 29. Dezember 1875

Goettingen 29.XII.75

Hochgeehrter Herr!

Soeben erhalte ich Ihre beiden letzten Publikationen, für die ich mich beeile Ihnen meinen aufrichtigen Dank zu sagen. Ich kannte sie schon und habe namentlich die Fortsetzung der Gastraeatheorie mit grossem Interesse gelesen. Ich bin überzeugt, dass sie in dieser modificirten Form auch bei Ihren Gegnern auf viel weniger Widerstand stoßen wird. Wenn ich selbst jetzt wie auch früher mich unter die Schaar Ihrer Anhänger rechne, so gilt das freilich nur im Allgemeinen, da ich in gar manchen Punkten durch meine Untersuchungen zu abweichenden Ansichten || geführt worden bin. So vermag ich z. B. nicht den Angaben beizupflichten, die Sie hinsichtlich der Ontogenie der Mollusken gemacht, da mir die Amphigastrula mancherlei heterogene Elemente zu enthalten scheint. Eine davon ausgezeichnete Form scheint mir die Leposphaera, die gemeinste Embryonalform der Mollusken zu sein. Sie entsteht durch inaequale Furchung [Zeichnung] und Umwachsung der grossen nutritiren Entodermzellen durch die kleinen formativen des primaeren Entoderm. Sie hat weder Urdarm noch Urmund. Will man die Lücke im Entoderm vor beendeter Umwachsung als Urmund bezeichnen, so hat derselbe keinen Urdarm, denn die Höhle im Innern des centralen Zellhaufens des primaeren Entoderms erscheint erst spaeter und wenn sie dann nach aussen durchbricht und es (wie bei Cyclas) zur Bildung einer Gastrula kommt muendet dann der Urdarm durch einen sekun-||daeren Mund nach aussen. Einen Widerspruch gegen die Gastraeatheorie sehe ich darin durchaus nicht, da die Existenz der zwei primaeren Keimblaetter bei allen Mollusken erwiesen ist, nur ist das Schicksal ein verschiedenes da das primaere Entoderm bei den Lammellibranchien den gesammten Darmtractus liefert, bei den Gastropoden entweder resorbirt wird oder nur einen Theil des Darmtractes liefert. Die Angaben über die Bildung des Entoderm und Darm von Rabl und mir sind falsch. Meine stützten sind in diesem Punkte nicht auf genügende Beobachtungen (ich hab an Limax spaeterhin die Bildung des Oesophagus constatirt, wie auch Fol.), Rabl aber muss die Zellen des primaeren Entoderm übersehen haben, so dass ich seine Morula für eine Leposphaera halte wie auch aus den Angaben von Ganin, Lankester u. Fol hervorgeht. Dann verfaellt auch bei Limnaeus das primaere Entoderm der Resorption und durch die Invagination entsteht (vom primaeren Ectoderm aus) ein sekundaeres Entoderm. Dann giebt || es bei keiner wirklichen Molluske (wovon Brachiopoden auszuschliessen) eine aechte Invaginationsgastrula. Dafür gewinnen wir aber die Aussicht bei den einzelnen Phylen eine einzige Embryonalform nachzuweisen (nur mit ungleichen spaeteren Schicksalen der einzelnen Blaetter) die sich noch über das Phylum zu den betr. Würmern verfolgen laesst (Leposphaera der Nudibranchien und Turbellarien u. a.). Bei allen Mollusken stammt das a Mesoderm nur vom primaeren Ectoderm.

Die Darlegung dieser meiner Ansichten erfolgt in einem demnaechst in der Zeitschrift für wissenschaftliche Zoologie erscheinenden Aufsatz „Über die Ontogenie von Cyclas und die Homologie der Keimblaetter“. Enthaelt derselbe also einen Angriff gegen einen Theil Ihrer Gastraeatheorie, so gebe ich mich doch der Hoffnung hin, dass Sie das volle Verstaendniss, das ich für die hohe Bedeutung der von Ihnen gegebenen Anregung habe, auch darin erkennen werden, da mir es ja doch nicht um eine Bekämpfung Ihrer Theorie zu thun ist, sondern um eine || solche Modification derselben, dass meine geliebten Mollusken in ihr Platz finden.

Wenn Sie, ebenso wie Herr Prof. Gegenbaur, geneigt sein sollten in den einzelnen Fassungen keinen Widerspruch zu sehen gegen die hohe Achtung und Dankbarkeit die mich gegen Sie beide beseelt, so glaube ich dass Sie in anderer Hinsicht im naechsten Jahre gerade durch mich Bestaetigungen Ihrer Ansichten erfahren werden, die Ihnen nicht unerwünscht sein dürften. Denn wenn Claus Ihnen noch vorwerfen konnte dass Ihre Phylen nichts anderes seien wie die alten Typen, so geht das nicht mehr nachdem ich den polyphyletischen Ursprung des s. g. Typus der Mollusken nachgewiesen. Und meine jahrelangen unausgesetzten Detailstudien über Molluskenanatomie haben mich in den Besitz eines Materiales gebracht, das es meinen Gegnern schwer machen dürfte meine morphologischen Reihen || die praechtig mit den palaeontologischen stimmen, anzugreifen. Diese 3 Phylen sind

1.) Lamellibranchien (+ Solenoconchen?)

2.) Arthrocochliden (von Gliederwürmern abstammend = Prosobranchien (inclusive Heteropoden)

3.) Platycochliden (von Plattwürmern abstammend – alle b andren Gastropoden u. Cephalopoden)

Ich denke, dass mein Buch im Juli wird erscheinen koennen.

In der Hoffnung, dass Sie mir nicht zürnen, dass ichc Sie so lange durch meine Berichte in Anspruch genommen, bleibe ich in ausgezeichneter Hochachtung

Ihr

ergebenster

Dr. Hermann von Ihering

a gestr.: p; b gestr.: C; c eingef.: ich

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
29.12.1875
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 11420
ID
11420