Ihering, Hermann von

Hermann von Ihering an Ernst Haeckel, Göttingen, 3. Juni 1875

Goettingen 3.VI.75.

Verehrter Herr Professor!

Seit einigen Wochen bin ich wieder hier, und nun eifrig mit der Verarbeitung meiner wissenschaftlichen Ausbeute beschäftigt. Ich habe in Neapel mich besonders eingehend mit den Ophisthobranchen beschäftigt, und bin dadurch auf das vergleichend anatomische Studium des Nervensystems, Geschlechtsapparates (der Zwitterschnecken) und der Niere geführt worden. Besonders das Nervensystem zeigte sich als ein ungemein dankbares Thema, und es ist || mir gelungen nicht nur für alle Theile der Mollusken – nur Pteropoden habe ich nicht genügend selbst untersuchen koennen – die Homologien etc. zu ermitteln, sondern auch die Entstehung der einzelnen Ganglien, Commissuren etc so zu verfolgen, dass ich die Entwicklung des „Typus“ aus den Würmern genau nachweisen kann. Ich denke mir daher, dass mein Werk über vergleichende Anatomie des Nervensystemes der Mollusken, das ich hoffentlich noch in diesem Jahre werde erscheinen lassen koennen, über die Phylogenie der Mollusken wichtige, freilich mit den bisherigen Vermuthungen nicht übereinstimmende, Aufschlüsse geben wird.

Diese Arbeit ist auch der Grund, der mich veranlasst, mich heute an Sie zu wenden. Ich habe naemlich durch die Literaturstudien so ungemein viel || zu thun, dass mir jede Abziehung hoechst laestig waere. Eine solche droht mir aber durch die Nothwendigkeit mir für meine im Winter beabsichtigte Habilitation den Dr. philos. zu erwerben, während ich bisher nur med. Dr. bin. Will ich das hier machen so bin ich gezwungen, zu meinem mündlichen Examen mich auf Nebenfächer vorzubereiten. Koennte ich das nun nicht vielleicht vermeiden, indem ich bei Ihnen, d. h. in Jena nur auf eine Arbeit hin – und als solche liesse sich ja wohl die Helixentwicklung benutzen? – promovirte?

Sie würden mir einen grossen Dienst erweisen wenn Sie mir recht bald – da der Druck jener Abhandlung schon weit gediehen – über diesen Punkt Auskunft geben und mir eventuell gleich mit-||theilen moechten, welche Schritte ich dann zunaechst zu thun habe.

In Neapel war ich in mancher Hinsicht recht zufrieden, doch sind die Mängel der Verwaltung gar zu fühlbar! Da die Station nicht dredgen laesst, ist man mit dem Material ganz vom Zufall abhaengig, und so habe ich manche gemeine Opisthobranchie (Bulla, Scaphander, Elysia u. a.) nicht zu sehen bekommen! Ich hoffe im Juli oder August in Kiel und Helgoland die Lücken ausfüllen zu koennen.

Sie waren in Corsica?

Mit ausgezeichneter Hochachtung bleibe ich

Ihr

ergebenster

Dr. Hermann von Ihering.

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
03.06.1875
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 11419
ID
11419