Frankfurt a/M., den 12. Juli 1903.
Hochverehrter Herr Professor!
Wenn ich mir erlaube, an Sie zu schreiben, so gehorche ich damit einem unwiderstehlichen innersten Antriebe. Diesen Antrieb hat die soeben beendete Lektüre Ihrer „Welträtsel“ (Volksausgabe 1903) gemacht.
Bin ich auch nur ein unscheinbares Lebewesen und zur Kritik so wenig berechtigt, wie berufen, so darf ich doch wohl dem Vertreter der „Wahrheit“ und der „reinen Vernunft“ meine tief empfundene Dankbarkeit für den hohen Genuß und die große Freude, welche mir das Lesen dieses wunderbaren Werkes bereitet hat, aussprechen. – Wäre ich nicht als weibliches Glied der Mensch-||heit geboren, und hätten außerdem nicht andere Gründe mich daran gehindert, so würde ich selbst das Studium der Philosophie als Lebenszweck erwählt haben. Da dieses hohe Ziel zu erreichen mir leider nicht beschieden ist, so muß ich mich mit dem Laien-Wissen begnügen. Das läßt indessen die volle Freiheit zur Auswahl der Schriftsteller, unter denen Sie, hochgeschätzter Herr Professor, der geliebteste sind.
Vornehmlich interessiert mich der zweite, psychologische Teil des Werkes. Der Rahmen eines Briefes, zumal ich ihn nicht zu groß bemessen möchte, gestattet ein genaueres Eingehen nicht; doch möchte ich Ihnen sagen, daß namentlich die unanfechtbaren Wahrheiten des achtzehnten Kapi-||tels, besonders Seite 134 unten und weiter Seite 135 mich mit enthusiastischer Sympathie erfüllen. Neben aller Realistik ist doch überall die ethische und die ideale Seite des Menschendaseins im Auge behalten. Und wenn Sie in der Schlußbetrachtung zugeben, „daß wir dem innersten Wesen der Natur heute vielleicht noch ebenso fremd und verständnislos gegenüberstehen, wie Anaximander u. Empedokles vor 2400 Jahren, wie Spinoza u. Newton vor 200 u. Kant u. Goethe vor 100 Jahren“, so steht doch zu hoffen, daß der heilige Funken der Wahrheit zündend auf die mit reiner Vernunft Begabten wirken werde! So möge die Saat, welche Sie mit Ihren „Welträtseln“ legen, Ihrem heiß-||empfundenen Wunsch entsprechend im zwanzigsten Jahrhundert reiche Ernte bringen. – Ob das Ableben Pabst Leo’s schon ein Anzeichen ist? – Zu bedauern ist, daß Sie mit diesem Werke sich von den Lesern verabschieden, unter welchen wohl kein begeisterterer ist, als Schreiberin dieser Zeilen, welche vom Anfang bis zum Ende Ihrer „Welträtsel“ jeden Buchstaben mit warmem Interesse gelesen hat. –
Möge die Lösung darin bestehen, die kommenden Generationen zu voller Aufklärung und Bekehrung zum Monismus der Erkenntnis der Natur und der reinen Vernunft, sowie der Wahrheit und Sittlichkeit zu führen! –
Mit der Bitte um gütige Verzeihung für meine Freiheit verharre ich in vorzüglichster Hochachtung
Louise Oppenheim
5 Steinweg 5.