Bockelmann, Friedrich

Friedrich Bockelmann an Ernst Haeckel, Rudolstadt, 9. November 1906

DR. F. BOCKELMANN

GEHEIMER SANTITÄTSRAT

Rudolstadt 9 Novbr 1906.

Hochgeehrter lieber Herr Professor!

Im Verlaufe Ihrer höchst interessanten belehrenden Vorlesung erwachte in meiner Erinnerung eine Mittheilung des Prof. Jak. Moleschott's, die Bezug auf Vererbung hatte und ich mir erlaube Ihnen zu unterbreiten.

Ich studirte im Jahre 1852 in Heidelberg Naturwissenschaften, hörte bei dem damaligen Privatd. Dr J. Moleschott Anthropologie, schrieb der damaligen Sitte zufolge nach und finde in meinen Heften folgendes angeführt:

Anthropologie Vortrag v. P. Dr J. Moleschott Heidelberg, Wintersemester 1852/53, Heft IV. Ueberschrift "Individualität" || "Kein Einfluß ist für die Individualität bedeutungsvoller als der der Eltern, der Anlage, der Erziehung also angeborene u. anerzogene-erworbene Eigenschaften p."

"Der Einfluß welchen die Empfangende vom Manne erhält ist sehr merkwürdig, z. B. Kinder zweiter Ehe gleichen häufig dem ersten Mann. Bei Thieren ist dies auch beobachtet worden, z. B. wenn eine arabische Pferdestute von einem Zebra belegt wurde so gleichen (ähneln) die Jungen dem Zebra; wird die arab. Pferdestute nun wieder durch einen arabischen Pferdehengst begattet, so sind doch die daraus erzeugten Jungen dem Zebra noch ähnlich. || Die Einwirkung des Vaters ist also bedeutend."

In den mosaischen Büchern (ich bin nicht mehr bibelfest um zu wissen wo die Betrugsaffaire mit den scheckigen Böcken und reinen Schafen steht) wird Ähnliches berichtet.

Ob die häufig in kl. Residenzstädtchen gefundene Ähnlichkeit vieler ευγενετικος mit dem herrschenden Fürstenhause auf stetes Ansehen der graviden Weiber der im Zimmer hängenden Fürstenbilder beruht oder reeller leicht verständlichere Ursachen hat wage ich nicht zu entscheiden. ||

Uebrigens à propos Moleschott fällt mir ein, daß in der ominösen Reactionszeit 1853(?) die Heidelberger theolog. Facultät über 3 Geistesherrn den Stab durch ein Facultätsgutachten brach.

1) Durch Prof. theol. etc Schenkel als Berichterstatter;

Priv.doc. Kuno Fischer (später Jena etc.) mußte als Pantheist verziehen.

2) P. Dr Moleschott als Atheist (später Senator in Rom).

3) Pastor Dulong, Prediger in Bremen! meine freie geliebte Vaterstadt, als Demokrat.

Gewiß würde auch heute noch Christus als Socialdemocrat oder etwas Ähnliches auf dem Altar des Vaterlandes geopfert werden; jedenfalls müßte der Schwarzseher seinen Staub von den Sohlen schütteln und ins Ausland reisen. ||

Vielleicht hat Sie die Notiz aus meinem Kollegienheft J. Moleschotts Äußerung betr. interessiert.

Ich hoffe recht bald wieder das Glück zu haben mich durch Ihre Vorträge belehren lassen zu können.

Recht gefreut habe ich mich beobachten zu können, daß unser alter treuer Häckel wieder jugendfrisch und muthig die Welt erleuchtet.

Herzlichst grüßt

Ihr

F. Bockelmann.

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
09-11-1906
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 10659
ID
10659