Scheffauer, Herman

Herman Scheffauer an Ernst Haeckel, London, 28. Juli 1912

Bank Point, Jackson’s Lane, Highgate, London, N.

Juli den 28ten, 1912

Werter, Hochgeschätzter Meister!

Herzliche Grüsse und alle gute Wünsche! Ich hoffe dass Sie jetzt wieder stärker und bessera sind, und wieder ausgehen können. Ich wusste nicht dass es so schlimm war, denn nachdem ich von Ihrem Zufall hörte, und Ihnen schrieb, hörte ich nichts weiter, bis meine Freundin Fräulein Sweet Ihnen ein Besuch machte und mir schrieb.

Den Artikel in T.P.‘s (London)b und in dem Free-Thinker von New York haben Sie wahrscheinlich c erhalten. Ich war vor zwei Monate in Lourdes wohin ich geschicktd wurde ume über die sogenannten „Mirakel“ und Pilgerfahrten zu schreiben. Es war imposaunt—diese blinde anbetung der Jungfrau, diese Fackel-züge, dieses Singen, Kerzen brennen und dramatisches Hocus-pocus. Die ganze Geschichte ist wie ein grosses Theater arrangiert und die Kirche macht ein kolossales Geschäftf dabei. Und wenn man hinter die Koulissen schaut sieht man viel schlechtes und schwarzes – priestliche Gier, eifersucht, Rache und allerlei. Zola hat es ja ergreifend geschildert in seinem Roman von „Lourdes“. Leider musste ich mein Artikel mehr von der ästätischen [!] Seite als von der kritischer behandlen, aber später schreibe ich einen kritischen der „nicht ohne“ sein soll. Es freute mich köstlich von ihrem Prozess gegen den Stations Vorseher zu hören – ich gratuliere! Aus Lourdes schickte ich Ihnen eine Ansichts Karte.

Am 25ten Juni habe ich mich verheiratet mit Fraulein Ethel Talbot, eine junge aber sehr begabte Englische Dichterin die hier sehr bekannt ist. So sitz ich hier etwas fester als zuvor. Wir sind einander sehr behülflich.

Ein bekannter einer meiner Freunde ersuchte mich um die Namen Wissenschaftlichen Leute die sich vielleicht in seiner neuen Theorie von Energie und Stoff interessieren wurden, so gab ich ihm auch || ihrem werten Namen. Das Buch heisst „The Energy System of Matter“ und ist von James Weir, ein sehr bekannter millionär-ingenieurg, ein Schotte, schon ziemlich alt. Das Buch habe ich noch nicht gründlich studiert. Halten Sie wash über die Theorie? Ich möchte wieder Etwas neues uber Sie Schreiben, so wäre ich sehr dankbar für neue Bilder oder Schriften die mir als Material nützlich waren. Was ich für England schreibe wird auch immer in die Vereinigten Staaten wieder abgedruckt. Ihr schönes Bild hangt bei mir in mein Schreibi Zimmer – bewundert von alle Leuten. Verzeihen Sie dass ich die Schreibmaschine gebrauche – es ist nur dass Sie meine Schrift besser lesen können! Und verzeihen Sie auch mein schlechtes Deutsch.

Mit Herzlichen Gluckswünsche und Grüsse und hoffend dass dies Sie in der besten Gesundheit findet, erbleibe ich wie immer,

Werter Meister,

Ihr Getreuer Discipulus,

Herman Scheffauer

a korr. aus: bsser; b eingef.: (London]; c gestr.: schon; d korr. aus: geschicke; e eingef.: um; f korr. aus: geschäft; g irrtüml.: engeunier; h korr. aus: etwas; i korr. aus: Schrieib

 

Letter metadata

Verfasser
Empfänger
Datierung
28.07.1912
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Jena
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 10419
ID
10419