Scheffauer, Herman

Herman Scheffauer an Ernst Haeckel, London, 28. Februar 1906

52, Warwick Gardens,

Kensington, London W.

February 28/06

Geehrter Herr Professor:

Sie glauben wohl dass ich ein schöner Sunder bin weil ich es so lange nichts von mir hören liess oder von dem Artikel den ich über Sie und Ihre Arbeit und Philosophie geschrieben habe. Jetzt ist es beinahe fertig ‒ nach viele Unterbrechungen. Aufhören musste ich oft um viele andere Sachen fertig zu machen. Auch habe ich viel nachlesen in verschiedene Werkea müssen, so dass mir kein Fehler hinein kommt. Der Artikel, der ziemlich lang ist, geht über Ihre ganze Leistungs-Geschichte, Ihr Leben ‒ doch ist es kaum als Biographie geschrieben, noch als Wissenschaftliches resumé, sondern, so zu sagen || alsb ein Gedicht in Prosa in dem Sie der Held sind. In Amerika wird es mehr als je Aufmerksamkeit des denkende Publikums auf Sie wenden. Wahrscheinlich kommt es in der „Century Magazine“ heraus ‒ eines der besten in Amerika. Die Photografien habe ich alle bei mir und Sie sollen sie alle gut wieder zurück erhalten. Aber ich kann kaum sagen wann der Artikel heraus kommt – das ist immer eine Mysterie. Sobald er ganz fertig ist und an der Maschine abkopiert ‒ so schicke ich Ihnen ein Exemplar.

Hiermit schicke ich Ihnen auch ein Gedicht von mir das Ich Ihnen gewidmet habe. Es wird hier bald gedruckt. Symbolisch ist es natürlich – Kraft, Stoff und Gedanke als Theilungen der Natur oder der Substanz – es ist ja erlaubt das der monistische Dichter || etwas Freiheit in seiner Interpretation geniesst. Ich habe noch mehrere Gedichte – eins von der stalagmite und der stalactite die c einander gegen wachsen durch Nacht und lange Jahre und unterirdischer Kälte! – wie zwei getrennte Menschen Herzen! Auch schicke ich ein Streit Gedicht gegen der Kirchen Tyrannei hier. In der Ethischen Gesellschaften bin ich jetzt sehr bekannt. Ich will auch eine Satire schreiben gegen diesen Dummkopf, Sir Oliver Lodge, Ihr Hauptgegner in England – ein „quasi Scientist“ der mit der Kirchenbande von Muckern zusammen steckt. Er zweifelt, zum Beispiel, an Marconi’s Drahtlose Telegrafie! Sein Lehrstuhl in der Mucker Schule will er halt nicht verlieren. Langsam aber sicher bricht Ihr Licht weitere und weitere Bahnen in alle Lände der Erde und das beste ist das so viele junge Leute Ihre Fackel tragen. Sie sind der Luther der Wissenschaft und gleiche Ehre soll Ihnen einmal zukommen. Möge diess Sie gesund finden und seien Sie uns noch viele Tage gegönnt, lieber Professor,

Ihr getreuer

Herman Scheffauer

[Beilage: Gedicht „The Looms Of Life”, mit Widmung]

a eingef.: in verschiedene Werke; b gestr.: wie; eingef.: als; c gestr.: an

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
28-02-1906
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 10403
ID
10403