Hoch und herzlich Verehrter!
Als ich Ihren Brief bekam, fühlte ich mich recht beschämt: Sie zum Schreiben veranlaßt zu haben durch eigentlich wohl zudringliches Zusenden von Blumen, es kam mir arg vor. Ob Sie wohl meine Postkarte garnicht erhalten hatten, die ausdrücklich um Ignorirung jeder Sendung bat? Sie haben doch wahrhaftig Besseres zu thun als Höflichkeitsbriefe zu schreiben, || seien es nun Gratulations- oder sonst welche derart. Daß Sie sich überhaupt von der Existenz meines Geburtstages einen Augenblick preoccupirt fühlten, erfüllt mich mit gerührtem Danke. Ernstlich: bitte, denken Sie nie, Sie müßten mir schreiben, es handelte sich denn um irgend ein Ihnen Wichtiges. Wir haben Ihnen so viel zu danken, und danken Ihnen || im Herzen innig dafür. Jetzt wieder für die neuen Kunstformen, an denen wir uns wahrhaft delectirt haben und die Andern mitzutheilen uns eine lebhafte Freude war. Auch an W. Bölsche’s Biographie haben wir uns erfreut, besonders auch an seiner Wärme. Ich habe das Buch jetzt verschiedenen unserer Besucher zu lesen gegeben, besonders auch dem Staatsrath v. Butler’schen || Ehepaare, und was auch immer ihre Stellung zu den „Welträthseln“ war, sie haben den Menschen kennen – lieben gelernt, und z. B. den Kunstformen hinterher ein ganz anderes Interesse entgegengebracht. –
Auf Ihrer großen Reise werden wir Sie mit theilnehmendsten Interesse begleiten, indessen läßt Ihnen der Herzog sehr für die ihm gegebene Beruhi-||gung, was die verschiedenen Fährlichkeiten derselben betrifft, danken, schmeichelt sich aber immer noch mit der Hoffnung, Sie, sei es auch noch so kurz, vorher noch zu sehen! –
Daß Ihre arme Frau Gemahlin noch an den Folgen der abscheulichen Influenza zu leiden hat! Sie wurden damals so bald nach der Rückkehr von Meiningen krank, daß wir die Besorgniß hegten, Sie könnten sie von uns mit-||genommen haben. Indessen versicherten uns damals alle dortigen Aerzte, Meiningen sei noch länger nachher absolut frei von der Seuche gewesen, und auch meine starke Erkältung, die mich bald nach Ihrer Abreise befiel, habe nicht den Charakter der Influenza gehabt. Sie konnten freilich auch auf der Fahrt von irgendeinem Mitreisenden angesteckt sein? Und nun hat der Mai, der sich || so hoffnungsschön anließ, sich auch als trügerisch erwiesen, und Ihre Frau Gemahlin wird unter den jähen Temperaturwechseln, die mir immer als das Angreifendste unseres Klimas erscheinen, auch wieder recht gelitten haben.
„Tis pity, that wishing well had not a body in’t, which might be felt“ , wie gut würden Sie mit den lieben Ihrigen es sonst haben! Bitte empfehlen Sie mich Ihrer Frau Gemahlin mit herz-||lichen, wenn auch leider unwirksamen Wünschen, verehrter lieber Herr und Freund, und seien Sie selbst tausendmal gegrüßt vom Herzoge und von Ihrer Ihnen in treuer Verehrung und Bewunderung ergebenen
Heldburg
Villa Carlotta, 20.5.00.
P.S. Der Herzog läßt noch sagen, er wäre mit Interesse bei’m Lesen des revidirten Bruno.
d. O.