Heldburg, Helene Freifrau von

Helene Freifrau von Heldburg an Ernst Haeckel, Veste Heldburg, 24. Mai 1889

Veste Heldburg, 24.5. | 89.

Hochverehrter Herr!

Sie haben mich durch den mir zugemessenen Theil Ihrer Sendung sehr glücklich gemacht und ich danke Ihnen herzlich dafür. Zu dem Werthvollsten das mir die Vereinigung mit meinem Gatten im Leben gebracht hat, || gehört meine Antheilnahme an seinem Bekanntwerden mit den Besten seiner Zeit. Wie lange wir uns schon auf Sie, hochverehrter Herr Professor, gefreut hatten, habe ich Ihnen schon neulich erzählt − Ihr lieber Besuch gehört nun zu den Lebensstunden, deren man sich am gernsten || erinnert und die guten Worte, die Sie jetzt an mich zu richten die Freundlichkeit hatten, läßt mich hoffen, daß wir uns des Genusses Ihrer Gesellschaft nicht zum letzten Male erfreut haben werden! Ihre Photographie gefällt dem Herzog ausnehmend, mir fehlt etwas in der Wiedergabe Ihrer || Züge und Ihres Wesens, vielleicht durch die Kleine des Maaßstabes, immerhin erfreue auch ich mich an ihr, en attendant eines größeren Brustbildes, dem ich gelegentlich zu begegnen hoffe. Ihren Eisenacher Vortrag habe ich heute Vormittag mit dem größesten Interesse gelesen und will ihn || jetzt dem Herzog weitergeben. Beinahe ganz neu war mir Alles, was Sie über Goethe sagen und wird nun mein nächster Genuß sein „Gott und die Welt“ vom Bücherbrett herabzuholen und es zu studiren. Dagegen habe ich mit wahrer Betrübniß, ob welcher ich Sie mich nicht auszulachen bitte, || auf Seiten 28 und folgenden meinen Freund Bacon vermißt. Sie werden schon wissen, hochverehrter Herr, warum Sie ihn nicht mit genannt haben unter den Bekämpfern des Platonismus, und ich schäme mich auch jetzt schon der Keckheit meiner Klage, angesichts meiner mangel-||haften Einsicht! – –

Der Herzog will Ihnen selbst schreiben, ich richte also nichts von ihm aus, dagegen hat mich Fräulein Lachmann gebeten, Ihnen für Ihren Gruß an Sie, der sie sehr geehrt hat, bestens zu danken. Bitte empfehlen Sie mich recht sehr Ihrer Frau Gemahlin, hochverehrter Herr und sagen Sie ihr, ich rechnete darauf, daß ihr Kunstenthusiasmus sie und Sie einmal zu uns nach Meiningen führen werde, wo wir uns bemühen wollten Sie durch gute Leistungen der „Meininger“ zu belohnen. Sollte unser Weg uns vorher in die Nähe von Jena führen, || so werden wir gewiß nicht versäumen von Ihrer gütigen Erlaubniß, die Villa Haeckel zu besuchen, möglichst ausgiebigen Gebrauch zu machen. Indessen bin ich, hochverehrter Herr, mit der Wiederholung wärmsten Dankes, in herzlicher Bewunderung Ihre sehr ergebene

Heldburg.

[Beilage Postkarte mit egh. Gruß:]

„Nessunʼ maggiorʼ dolore“ fuer die Absenderin, fuer Sie, Verehrter, ein hoffentlich zum laecheln reizender Gruss.

Ihre H.

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
24-05-1889
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 10299
ID
10299