Sachsen-Meiningen, Georg II., Herzog von

Georg II., Herzog von Sachsen-Meiningen an Ernst Haeckel, Altenstein, 15. November 1901

Altenstein, 15. Nov. | 1901

Lieber Häckel!

Für Ihr reizvolles Buch „Aus Insulinde“ empfangen Sie herzlichsten Dank! Ich habe mit größtem Vergnügen sofort ein tüchtiges Stück hineingelesen, wurde aber durch eine Reihe zu erledigender Angelegenheiten in der Lectüre unterbrochen, Arbeiten, die mich auch jetzt erst dazu kommen lassen, Ihnen meinen Dank auszusprechen. Es ist bewundernswürdig, welche Arbeitskraft Ihnen innewohnt, daß Sie neben allen Ihren Berufs-||arbeiten in so kurzer Zeit dieses ansehnlich beleibte Buch schreiben konnten. „Morgenstunde hat Gold im Munde.“ Aus Ihrer Reisebeschreibung weiß ich, daß Sie die Gewohnheit haben, sehr früh aufzustehen. In den frühen Morgenstunden, wo Einen Niemand stört, muß sichʼs doppelt gut arbeiten. Ich beneide Sie wirklich um diese Ihre Tugend, bin jetzt aber zu alt, um mein Regime noch umstellen zu können, daher bleibtʼs leider beim Beneiden.

Von 15 August bis in die 2te Hälfte October waren wir von hier abwesend, zuerst am Königsee und dann auf der Villa Carlotta. Wir || wollten aus den bayerischen Alpen eigentlich schon gegen 18ten September hier zurück sein, ich wurde aber unpäßlich durch, wie der Arzt behauptete, Herzüberanstrengung und zog ich deshalb mich auf meine Villa zurück, um ganz ungestört wieder zu normaler Herzthätigkeit zu gelangen, was auch gelang.

Mein Sohn Ernst besuchte uns Ende October sammt Gattin hier und diese wollte von einem Bekannten, der in Ajaccio in dem einen der beiden besten Hotels gewohnt hatte, erfahren haben, alles Fleisch komme aus Frankreich für die Hotels und sei es gewöhnlich nicht frisch, ja er habe einmal ein Cotelette bekommen, || in welchem Würmer gewesen seien, so daß er es dem Wirth gezeigt habe. Haben Sie von diesem haut gout des Fleisches etwas gemerkt, als Sie dort waren? Auf den Schiffen des Bremer Lloyd kommen dergleichen Vernachlässigungen nicht vor, wiewohl Wochen vergehen, ohne daß frisches Fleisch eingenommen werden kann. (Oder haben die Schiffe Schlachtvieh an Bord?) Na, die Geschichte hat uns etwas von Corsica abgeschreckt, um so mehr alsa ich mich vor angefaultem Fleische sehr in Acht nehmen soll, seitdem ich gleichzeitig mit der Herzaffaire einen sehr anhänglichen Magenkatarrh hatte. – ||

Mit diesem Theile erlaube ich mir, Ihnen eine Schaumünze zu schicken. Sie ist bestimmt für meine Freunde unter den Künstlern und Wissenschaftlern und zeigt vorne mein Bild und auf der Rückseite die Kunst und Wissenschaft, durch 2 Figuren repräsentirt, welche unter einem Lorbeerbaum befindlich. Der alte Mann mit dem Stabe, der in einem aufgeschlagenen Buche liest, soll nicht etwa ich sein, wie Jemand die Figur interpretirt hat!!! Mein Bildniß ist nach meiner Büste von Hildebrand unter Leitung dieses Künstlerʼs von einem ehemaligen Schüler desselben copirt und die ganz hübsche Composition ist auch von ihm. Er heißt Römer. || Meine Frau trägt mir alles Schöne an Sie auf und wir Beide bitten, Ihre Frau Gemahlin allerbestens von uns grüßen zu wollen.

Apropos: Die Lösung der Frauenfrage steht für Jena, trotz Eggelingʼs, wenigstens in ihrer ersten Etappe, dicht vor der Thüre, es müßte denn sein, daß zu guter Letzt Altenburg einen Strich durch die Rechnung macht.

Hoffentlich treffen diese Zeilen Sie, lieber Haeckel, so wohl an wie es herzlich wünscht, Ihr

Ihnen von Herzen ergebener

Georg

a eingef.: als

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
15-11-1901
Entstehungsland
Zielort
Jena
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 10252
ID
10252