Gegenbaur, Carl

Carl Gegenbaur an Ernst Haeckel, Heidelberg, 25. November 1889

Heidelberg 25 Nov 89.

Liebster Freund!

Einen ganzen Segen von Geschenken hast Du über mich verbreitet, als ob schon die liebe Weihnachtszeit da wäre! Da habe ich Dir denn recht vielen Dank zu sagen und Dir zu den Büchern zugleich zu gratuliren. Sehr habe ich mich über Deine Photogr. gefreut, sie ist ausgezeichnet – Das Portrait in der Schöpfungsgeschichte ist übrigens auch vortrefflich. Ersteres wird auf' meinem Schreibtische Platz finden, sobald ich ihm eine würdigere Umgebung werde bieten können, nachdem für die laufenden Geschäfte kein so umfänglicher Apparat sich mehr breit machen wird.

Die anatomische Versammlung in Berlin hat sich durch ihr zustimmendes Schweigen zu dem Bardelebenschen Vortrage mit Ruhm bedeckt. Es ist erstaunlich was || man sich da wieder hat bieten lassen! Für die Berliner vergleichende Anatomie gilt Umbertos geflügeltes Wort: Non capisce niente! Meine Sehnsucht nach vergleichender Arbeit wächst bei dieser Sachlage immer mehr, und wenn ich gesund bleibe, werde ich mich gleich mit dem Abschluß meines Lehrbuches wieder an die Vergl. Anat. machen, welche diesmal nicht wieder unterbrochen werden soll, wie es bisher dreimal sich treffen sollte.

Die Ischias bin ich endlich, nach fast dreimonatlicher Pein - los geworden. Nur ganz selten zwickt es noch im Fußrücken. Auch in meiner Familie geht es gut, doch habe ich mit Fritz hapert es in der Schule und zwar wunderbarerweise nicht im Griechischen wo er gute Noten heimbringt, sondern im Latein. Das nun Gelernte sitzt fester bei ihm, als das während der zweijährigen Kopfschmerzperiode erlernte oder erlernt sein sollende, für welches sich keine Gehirnapparate ausgebildet hatten. Nieland’s waren die längste Zeit in || unserer Nähe. Mein Schwiegersohn ist bereits in Danzig, wo er mit der Errichtung des neuen Armeecorps Brigade-Adjutant wird. Tochter und Enkel werden den Winter über bei uns sein, da es sehr wahrscheinlich ist, daß jene Brigade nicht nach Danzig kommt, sondern in irgend eine andere Stadt jener paradisischen Gegend. Das wird erst im Frühjahre erledigt werden. Es ist neulich dem guten Jungen sehr schwer geworden, als er das letztemal bei uns war. Meiner Tochter wird der Abschied noch schwerer werden. Aber tu l’as voulu! Auch uns wird es nicht leicht sein.

Das Semester ist ein recht gutes geworden, und mein Colleg und Präparirsaal sind gut besetzt. Freilich wird man von dem Schulmeistern auch recht müde und fängt an, die Ferien für den idealeren Zustand anzusehen, zumal da auch keine Examina sind die einem bis zu Weihnachten das Leben recht verleiden. Ich halte diese Zeit für die allerunfruchtbarste, und fühle mich nach jedem Examen in einem Zustande der Depression, als ob ich durchgefallen wäre. ||

Das wird aber auch vorüber gehen. –

An Frau Gemahlin wie an Frln Tochter sende ich beste Grüße und hoffe daß es bei Allem, auch Walter, gut gehe. Lebe wohl

Wie immer Dein treuer

CG.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
25.11.1889
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 10110
ID
10110