Gegenbaur, Carl

Carl Gegenbaur an Ernst Haeckel, Heidelberg, 29. Mai 1889

Heidelberg, 29. Mai 89

Liebster Freund!

Meine Absicht zu Pfingsten Dich zu besuchen, ist leider nicht ausführbar, da uns selbst zu jener Zeit von Seite Verwandter Besuch a in Aussicht steht. Ich tröste mich nun mit der Erwägung, daß ich dafür das alte liebe Erinnerungsbild von Jena behalte, von dem ich schon gefürchtet hatte es zu verlieren, durch ein neues Bild gedeckt und gestört zu sehen. Denn was mich, außer Dir, in Jena interessirt, ist ja nur durch die ehemaligen Beziehungen bedingt. Nur das mit jenen verknüpfte hat Werth, das alte Jena, wo dieses nicht mehr ist, da kann mein Interesse kein anderes sein als jenes an Apolda oder Weißenfels!

So suche ich mir für den entgehenden Ausflug schon jetzt eine Entschädigung || zurecht zu legen, welche mir nicht ohne Werth dünkte!

Auch bei recht kritischer Beurtheilung ist meiner Auffassung die Billigung gewiß nicht zu versagen.

So danke ich Dir denn herzlichst für Deine freundliche Aufforderung und möchte gerne sagen, daß ich ihr ein andermal folgen würde, wenn der Mensch nicht ein von der Zeit und den Umständen zu abhängiges Geschöpf wäre.

Der Frühling hat sich auch hier herrlich angelassen und dieser ist nach vielen Jahren der erste Mai, der seinen Namen volle Ehre macht.

Bei uns im Hause geht es ordentlich, und meine Frau ist eigentlich in dieses Jahr viel besser daran als in den vergangenen. Auch das Semester hat sich gut angelassen. Doch dagegen werde ich immer gleichgültiger!

Hast Du Köllikers Gewebelehre angesehen? Ganz nach Erwartung! Bei Deiner hiesigen Anwesenheit || kam das Gespräch auf b eine Arbeit, die hier im Gange ist. Schuppen der Ganoiden und Teleostier. Du machtest mich auf eine Untersuchung aufmerksam, welche mir unbekannt war und notirtest es Dir. Darf ich wohl um Einsichtnahme für einige Tage bitten!

Wenn ich hiemit Deine Briefe erst jetzt beantworte, so schreibe das der Verzögerung zu, welche uns hier bezüglich der Pfingst-Dispositionen geworden ist, und gegen welche wir machtlos waren.

Herzliche Grüße von Haus zu Haus

Unveränderlich

Dein alter

CGegenbaur

a Von oben eingefügt: Besuch; b gestr.: die.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
29.05.1889
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 10105
ID
10105