München, 12. Aug. 19.
Mein lieber Freund!
Nun ist es geschehen das längst von Dir Erwartete, die ragendste, weithin sichtbarste Säule des Culturtempels, vollendet in Deutschlands höchster Glanzzeit, geborsten in seinen trübsten Stunden, ist zusammengestürzt – der laute Fall ruft tausendfältiges Echo bei den Völkern des Erdenrunds hervor, als waere nicht ein Eroberer des Geistes nur, sondern ein Weltherrscher dahingegangen.
Trotz der Vorbereitung hat uns || die Nachricht tief erschüttert – in innigem, herzlichem Mitgefühl drücken wir Dir mit Deinen Angehörigen die Hand, wobei uns zu Mute ist, als waere hier ein Blutsverwandter aus schweren Tagen erlöst worden. Haben wir doch in den letzten Zeiten fast täglich seiner gedacht & wie oft haben wir die Erinnerung hervorgeholt an die sonnige, väterliche Greisengestalt, wie sie uns einst verehrungswürdig in herzlicher Waerme entgegengetreten ist. Am meisten sehen wir ihn vor uns, wie er in seiner ungebrochenen Gesundheit eines || Abends mit freundlich blitzenden Augen im weissen Flatterhaar lebhaften Schrittes zur Türe des Jenaer Gastzimmers hereintrat, um einen gemütlichen Abend mit uns zu verplaudern oder so, wie er in Gegenwart Deiner guten verewigten Mutter, die still mit grossen Augen vom Sopha aus zusah, uns durch alle Zimmer durch mit lebhaften Bewegungen die Bilder an der Wand erklärte.
Wie viele Zeiten umfassender tief gehender Erinnerungen an Jugendstunden bis zur treuen Sohnespflege in den letzten Zeitenläufen müssen nun an Dir vorübergehen || & wie wirst Du ihm die Ruhe nach seinem langen Kampfesdasein goennen! Nun hat er die Lösung der Welträtsel in Haenden & wir stehen davor & schütteln weiter den Kopf über die unbegreiflich neuen, sich täglich entwickelnden Rätsel des Erdenwandels.
Du bleibst wohl noch einige Zeit in Jena, um allerlei zu ordnen, wir wollen am 20. August nach Friedrichshafen für einige Wochen. Hoffentlich sehen wir uns nachher bald wieder.
In alter Freundschaft getreu, stets
Dein Karl Bauer