Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Agnes Haeckel, Berlin, 25. – 26. Dezember 1868

Berlin, d. 25sten December 68.

Liebe Agnes!

Kaum hatte ich gestern früh die Schlüssel an unseren Ernst geschickt als Dein lieber Brief mit der Kiste ankam, hab tausend Dank für beides; Du hast mir eine große Freude dadurch gemacht, daß Du mir schreibst Du und Walter wäret ganz wohl, allerdings hatte mir Ernst auch mündlich die Versicherung gegeben; doch habe ich ihn im Ganzen nur wenig sprechen können, da er hier so sehr beschäftigt war. ||

Den 26sten. Gestern konnte ich nicht weiter schreiben, und auch heute am Tage kam ich nicht dazu, da immer fort Abhaltung war, und doch wollte ich gerne bald abschicken, weil mich auch sehr verlangt von Euch umständlich zu hören, wie es meinem Jenenser Kleeblat geht, und wie Ihr das Fest verlebt habt? –

Du entschuldigst Dich, liebe Agnes, in Deinem Brief, daß Du keine Arbeit für uns gemacht hast, das finde || ich aber ganz in der Ordnung; Du hast jetzt für Dein Kind zu sorgen, und auch Deine Wirthschaft mit den neuen Mädchen zu ordnen; ich freue mich ungemein, daß Bertha weg ist; nun wirst Du freilich in einer Art mehr zu thun haben; aber Du wirst es nun auch mit Freuden thun; und kannst erst jetzt zum Bewußtsein kommen, selbst zu schaffen und zu ordnen, und darin finden wir Frauen doch eine große Be-||friedigung, in der treuen Erfüllung unseres häuslichen Berufes; solange Bertha alles besorgte, konntest Du ja keine Freude daran finden. Ich wünsche Dir nun von Herzen, daß die neuen Mädchen recht nach Wunsch sich einrichten. An die arme Frau Schleicher muß ich viel denken; Gott gebe ihr Kraft die Kinder brav zu erziehen. –

Das Bertha Hildebrand krank ist thut mir sehr leid, wenn Du sie siehst wünsche ihr von mir gute Besserung. || Daß es Dir jetzt lästig ist, die empfangenen Wochenbesuche zu erwiedern, kann ich mir denken, vergiß nur keinen, bei Frau Seebeck würde ich an Deiner Stelle ganz unbefangen thun, aber hin mußt Du gehn. –

Ernst sagte mir wohl, daß Deine Schwester Clara wünschte Leinewand zu haben, er wüßte aber nicht welche, und es ist mir lieb, daß Du es mir schreibst, ich werde in den nächsten Tagen nach Hirschberg schreiben, und sie dann gleich bestellen. Ob Ernst Dir es recht || wird gesagt haben; ich schicke Dir durch ihn ½ Schock Leinewand, ich dachte ob Du es zu Ueberzügen über Deine Leder-Kopfküssen brauchen könntest? mir war es als hättest Du mir gesagt, die fehlten Dir noch. –

Nun noch eine Frage, um deren baldige Beantwortung ich Dich bitte: hast Du für Walter einen Mantel? wo nicht, so schreibe es mir, ich will dann sehn, daß ich Dir baldig einen besorgen kann, das wird nun Zeit. – Dabei fällt || mir ein: in Sachsen und Thüringen ist es so sehr Sitte, daß die Kindermädchen die Kinder so in ihren Mantel gehült tragen, da wollte ich Dich bitten, es nicht zu leiden, mir sagte in Merseburg der Arzt, das sei schädlich für den Unterleib. –

Vater geht es leidlich, täglich fahren wir eine halbe Stunde spazieren, Quincke meint die Luft solle ihm gut sein. Vorgestern Abend habe ich auf seinen Wunsch ein Bäumchen angeputzt, er war, nach seiner jetzigen Weise, heiter; || Gertrude war bei uns, Tante Bertha war in Potsdam, wo die Kinder sehr vergnügt gewesen wären. – Seit gestern früh ist Karl hier, der beim Zahnarzt zu thun hatte; morgen kommt dazu auch der Enkel Karl. Heute Mittag war meine Schwägerin Minchen bei uns.

Von der stattlichen, schönen Stolle, die Du uns geschickt hast, werde ich Karl ein Stück für die Kinder mit geben. –

Deiner lieben Mutter und Clara den schönsten Gruß von Deiner Mutter

Lotte.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
26-12-1868
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 49296
ID
49296