Geuther, Anton; Sohncke, Ludwig

Gutachten der Professoren Anton Geuther und Ludwig Sohncke, Jena, 10. März 1885

Gutachten

über die Wiederbesetzung der Professur für Mineralogie und Geologie an der Universität Jena, erstattet von den Professoren Geuther und Sohncke

Die Erwägungen, welche uns zu dem weiter unten ausgesprochenen Vorschlag geführt haben, sind in Kürze folgende:

Die Mineralogie und Geologie bilden zusammen die eine der beiden großen Gruppen, in welche die früher sogenannten beschreibenden Naturwissenschaften zerfallen, Botanik und Zoologie die andere. Den letztgenannten biologischen oder organischen Wissenschaften stehen die ersteren als die anorganischen gegenüber. Die Methoden, auf welche die beiden Forschungszweige angewiesen sind, sind grundverschieden. Während die Biologie, soweit sie nicht physiologisch betrieben wird, wesentlich auf morphologischen Betrachtungen ruht, ist die Anorganographie hauptsächlich auf chemische und physikalisch-mathematische Methoden gegründet. Nur in einer einzigen der fünf Disziplinen (Krystallographie, Mineralogie, Petrographie, allgemeine Geologie und Paläontologie), in welche heutzutage die anorganischen Wissenschaften bereits zerfallen sind, nämlich in der Paläontologie, || kommen Methoden der biologischen Wissenschaften zur Anwendung.

Es ist selbstverständlich, daß kein einzelner Gelehrter im Stande ist, in allen 5 genannten Fächern gleichmäßig bewandert oder gar gleichmäßig productiv zu sein. Und wer, als einziger Vertreter des Gesammtfaches, sich redlich bemüht, in allen jenen Gebieten möglichst gleichmäßig orientirt zu bleiben, der muß diesen Erfolg mit einer Herabminderung der eigenen Productivität erkaufen.

Unter diesen Umständen sehen wir uns vor die Alternative gestellt, unser Augenmerk zu richten:

entweder auf einen jüngeren Specialisten, dessen bisherige Arbeiten zu der Hoffnung berechtigen, daß er im Stande sein würde, die wesentlichen Theile des Gesammtgebietes – wenn auch vielleicht nicht gleich, so doch nach einiger Zeit – genügend zu überschauen.

oder auf eine reifere und in den verschiedenen Gebieten möglichst gleichmäßig bewanderte und bewährte Lehrkraft, die dann natürlich weniger durch Productivität glänzen könnte.

Bei der Auswahl eines jüngeren Specialisten mußte selbstverständlich ein Jeder ausgeschlossen bleiben, der nur paläontologisch-geologisch gearbeitet hat, weil || durch solche Arbeiten nicht die mindeste Gewähr geboten wird, dass ihr Verfasser die für die Anorganographie wesentlichen Methoden der Chemie und Physik auch nur einigermaßen beherrscht. Ebensowenig durften solche junge Gelehrte in Frage kommen, die einseitig nur krystallographisch oder petrographisch gearbeitet haben; vielmehr musste neben solchen Arbeiten besonders noch auf die Betätigung chemischer Schulung gesehen werden. Nun sind leider die letzten Jahrzehnte gerade in Deutschland der Ausbildung chemischer Mineralogen und Geologen wenig günstig gewesen, so daß die Zahl von wirklich geeigneten jüngeren Candidaten nur gering ist. Zwei solche hatten wir der Facultät vorgeschlagen, aber erst an zweiter Stelle, weil mit der Berufung eines jüngeren Specialisten immerhin ein gewisses Risiko verbunden ist. Nachdem diese Candidaten von der Facultät fallen gelassen sind, bleibt der von uns an erster Stelle vorgeschlagene Candidat der anderen Gattung übrig. Wir erlauben uns also, dem hohen Senate die Berufung des

Professors Dr. Friedrich Nies

in Hohenheim vorzuschlagen, der uns von mehreren anerkannten Fachmännern warm empfohlen ist, (z. B. von Prof. Sandberger in erster Linie) ||

Nies, ein Specialschüler des berühmten Leipziger Mineralogen und Geologen Carl Friedrich Naumann, war Privatdocent in Würzburg und kam als Professor für Mineralogie und Geologie an die Land- und forstwirtschaftliche Akademie Hohenheim bei Stuttgart, wo er seit einer längeren Reise von [ ] Jahren lehrt. Gegenwärtig steht er etwa in der Mitte der vierziger Jahre. Er ist als vorzüglicher Lehrer allgemein bekannt. Von sachverständiger Seite wird er geschildert als ein wissenschaftlicher Mann von ernstem Beruf, nicht von Geschäft, als ein tüchtiger Krystallograph, vortrefflicher Mineralog und Geolog. Seit er in Hohenheim ist, hat er sich auch in die Palaeontologie gut eingearbeitet. Dabei ist ein anspruchsloser, bescheidener und liebenswürdiger Mann von zuverlässigem Charakter. Seine Arbeiten, wenn auch wenig zahlreich, erstrecken sich fast über alle fraglichen Gebiete; es liegen geologische, krystallographische, mineralogische Abhandlungen von ihm vor, sogar geologische und paläontologische Notizen.

1863, Geognost. Skizze des Kaiserstuhlgebirges.

1868, Beiträge zur Kenntniß des Keupers im Steigerwald (von Sandberger als sehr gute Arbeit bezeichnet)

1868, Krystalle der Hornblende.|

1872, Aphrosidarit, Bittersalz, Limburgit.

1872, Röth (zusammen mit Hilger)

1873, Titaneisen.

1875, Verwitterung

1880 u. 81, Volumveränderungen von Metallen beim Schmelzen. (Wiedem. Annal. Phys. 19, 43, zusammen mit Winkelmann)

1883, Gypsspat von Mainz (Bericht über die 16. Versamml. D. oberrhein. Geolog. Vereins zu Lahr).

Seit Anfang der siebziger Jahre redigirt er den mineralogischen Theil des Liebigschen Jahresberichts.

Seit April 1881 ist er Sekretär des oberrheinischen geologischen Vereins.

Durch Berufung des Professor Nies würde eine vortreffliche Lehrkraft gewonnen werden, welche alle die verschiedenen Disciplinen, die in der Mineralogie und Geologie vereinigt sind, gleichmäßig zu vertreten geeignet wäre; die Universität wäre durch ihn gegen den Vorwurf gesichert, dass ein oder andere wichtige Zweig der Anorganographie völlig unvertreten bliebe.

L. Sohncke

A. Geuther

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
10-03-1885
Entstehungsort
Zielort
Jena
Besitzende Institution
Universitätsarchiv Jena
Signatur
UAJ, BA 440, 70r-72r
ID
47880