Haeckel, Carl Gottlob

Carl Gottlob Haeckel an Christian Weiß, Berlin, 30. September 1852

Berlin 30 Sptmb. 52

Lieber Freund!

Aus Ihrem letzten Schreiben an meine Frau, welches in diesen Tagen eingegangen, haben wir einerseits mit Freuden ersehen, daß Sie wohl sind, andererseits hat uns die Krankheit Ihres lieben Bruders Samuel in Besorgniß versetzt, denn mir selbst hat er früher gesagt, daß er [!] eine Krankheit, die in ein Schleimfieber ausarte, ihm gefährlich werden könne. Bei der großen Theilnahme, die wir für ihn hegen, ist uns sehr daran gelegen balda zu erfahren, wie es ihm geht und wir bitten daher recht bald um weitere Nachricht. Ich war soeben in seinem Quartier und fand da zwar die beiden Mädchen, sie wussten aber noch nicht, daß ihr Herr krank sei und auch Beyrichs scheinen noch nicht hier zu sein, bei denen ich übrigens, so bald sie ankommen, vorsprechen werde.

Ich bin eine Woche im Hirschberger Thal gewesen, habe auch einen Abstecher nach Landeshut gemacht. Ich traf größtentheils schönes Wetter und habe einige sehr hübsche Spatzierfahrten gemacht. Wege und Gasthöfe (auch auf den Dörfern) beßern sich sehr und auch die Industrie geht langsam wieder etwas vorwärts und scheint sich allmählich zu erholen. Die Zahl meiner dortigen Bekannten wird immer geringer, indem sie größtentheils sehr alt nach und nach absterben. In Töplitz hat es uns sehr gefallen und wir haben auch größtentheils schönes Wetter gehabt. Ernst hat seine Kur sehr ernstlich gebraucht || und hat auch täglich ohne besondere Beschwerde mit uns Spatziergänge gemacht. Den Erfolg der Kur müßen wir nunmehr abwarten. Ist das Uebel wirklich rheumatisch oder gichtisch, so zweifeln wir nicht, daß Teplitz von Wirkung sein wird. Denn eigentliche Schmerzen hat er in Teplitz nicht gehabt und zu große Anstrengungen hat er vermeiden müßen. Er wird nun künftigen Monat nach Würzburg oder Jena gehen, (was sichb erst entscheiden wird) um seinen medicinischen Kurses fortzusetzen. – Carl ist bereits in Ziegenrück, wo er commißarisch die Gerichtskommißion verwaltet. Er erwartet jeden Tag sein Attest über den Ausfall des ganzen Examens (die 2te schriftliche Arbeit unterliegt der Censur). Hat er dieses, so wird er wahrscheinlich gegen Ende October noch heirathen und die Frau nach Ziegenrück führen.

Ich selbst bin schon einheimischer in Berlin geworden, als vorigen Winter, habe nun einen engeren Kreis von Bekannten und Freunden hier gefunden und meine Lebensweise und Zeiteintheilung darnach eingerichtet, habe also nicht mehr das Gefühl des Ungewohntseins der hiesigen Verhältniße wie im vorigen Winter, wo mir noch alles zu neu und fremd war und ich mich häuslich erst einrichten mußte. An die hiesige Weitläuftigkeit des Orts und die damit verbundenen Uebelstände muss man sich erst gewöhnen, sonst findet man allerdings hier immer geistige Erfrischung und ein geistig thätiges Leben. || So zufrieden ich mit meiner Gesundheit und meinen Kräften sein kann, so fühle ich den Anmarsch des Alters, danke aber doch Gott, daß es mir noch so gut geht.

Meine Frau hat auch in Teplitz gebadet und das Bad, welches sie hauptsächlich des nerveusen Kopfwehs wegen besuchte, scheint ihr gut bekommen zu sein. Es war unter den obwaltenden Verhältnißen nicht gut möglich Merseburg zu besuchen. Da aber Carl in der Provinz Sachsen wahrscheinlich bleiben durfte und Ernst vielleicht dahin geht, so hofft sie auch Merseburg (vielleicht künftigen Sommer) wieder zu sehn.

Meinen dortigen Freunden bitte ich mich aufs herzlichste zu empfehlen. Ich behalte sie alle in lebhaftem Andenken

unverändert der Ihrige

Haeckel

a eingef.: bald; b gestrichener Text

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
30-09-1852
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Merseburg
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 45266
ID
45266