Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Landsberg an der Warthe, 18. Februar 1863

Landsberg a/W 18 Febr. 1863 Abds.

Liebe Aeltern!

Wenn ich auch heute nicht viel schreibe, so will ich Euch doch auch nicht noch länger ohne Nachricht lassen. Du liebe Mutter hattest ja mit der Sendung nach der letzten Gesellschaft auf rührende Weise für meinea Strohwittwer-Speisekammer gesorgt; es war des Guten so viel, daß ich, sollte es nicht verderben, den Dr. Pauli (den Schlesier aus der Bunzlauer Gegend, der auch bei Euch im Hause war) mehrere Male mir zur Hülfe gerufen habe, damit er Hase und Kalb mit verzehren sollte. Er wohnt mit mir Wand an Wand und ich plaudere öfter und gern mit ihm. Es ist ein ganz gescheuter junger Mann, wie ich denn unter den jüngeren Lehrern des Gymnasiums hier schon zu manchen netten Mann gefunden habe. Ostern kommt ein Candidat Eylau her, er soll aus Merseburg sein; dann ist es sicherlich ein Sohn des verstorbenen Pastors vom Neumarkte. Wie auch die Menschen || in einem größeren Staate umhergeworfen werden und dann doch wieder auf diesen oder jenen Bekannten stoßen! So spekulire ich jetzt schon auf eine Anwaltsstelle, die binnen Jahr und Tag hier voraussichtlich offen wird, für einen meiner alten Freunde, vielleicht Meyer oder Steinbach, die beide in diese Karriere hinein wollen.

In der letzten Zeit habe ich unruhig gelebt und kam deshalb nicht dazu an Euch zu schreiben, mußte ja auch verschiedene Geburtstagsbriefe nach Jena und zu Hause expediren. Vorigen Donnerstag war ein Ressourcen Ball hier, Sonnabend fuhr ich herüber zu Mutter Minchen nach Frankfurt und sah dort Abends bei ihr Frau Stadt Rath Petersen, den alten Esmarch mit der Wartenberg und P. Löwenstern, den andern Tag besuchte ich Scheller (er erholt sich langsam von einem neuen Grippe-Anfall) Psident Simson, den Departementsrath, Esmarch und den alten Bennecke; Letzterer so wie Esmarch und Scheller lassen Euch bestens || grüßen. Abends fuhr ich wieder nach Landsberg zurück. – Ich habe in Frankfurt einen recht soliden Möbelsfuhrmann für die Herfahrt der Sachen engagirt. Er bringt Ende März 2 Fuhren für einen Offizier nach Wriezen und fährt dann meine Sachen her. Ich profitire dadurch ca. 16–20 Rth.. Seid also so gut und sagt es Henkel, dass ich ihnb deshalb nicht nehme, aber bald damit er sich nicht darauf einrichtet. Hier habe ich die beiden Dienstboten und ein Quartier pro Michaelis 1862 bis Johannis 1864 in den letzten Tagen gemiethet. Das für das erste Halbjahr zu beziehende konnte ich nicht behalten, da der Wirth Michaelis eine Stube wieder darin abnimmt und es dann unbedingt zu klein ist. Das neue ist freilich 2 Treppen hoch, aber doch viel geräumiger und kostet nur 150 monathlich, also 20 rℓ weniger.

Die Taufe wünschen die Freienwalder nun auf 1 März angesetzt. Ihr könnt dann doch mit Fräulein Lampert fahren. Näheres erfahrt ihr nächstens von dort. Ade ich muß schließen

Euer Karl ||

Herrn

Oberregierungsrath a. D.

Haeckel

Linkstr. 26

Berlin

a gestr.: Jung; b gestr.: nicht

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
18-02-1863
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 44682
ID
44682