Julius Schwalbe an Max Verworn, Berlin, 7. September 1914

Berlina 7. Sept. 14.

Hochverehrter Herr Geheimrat.

Aus den Unterschriften der Erklärung, die durch das Wolffsche Telegraphenbüro heute abend veröffentlicht wird, werden Sie ersehen haben, dass die Kundgebung von hervorragendsten Vertretern deutscher Kunst und Wissenschaft eine andere Beurteilung erfahren hat als von Ihnen. Damit soll gewiss nicht gesagt sein, dass Ihre Stellungnahme als unrichtig bezeichnet werden muss; aber das werden Sie andererseits zugeben müssen, dass wenn sich Männer wie Laband (unserb bedeutendster Staatsrechtslehrer), von Liszt, Kohler und alle die andern bereit gefunden haben, die Erklärung zu unterschreiben, das Bedenken, dass „die Objektivität und Vornehmheit unserer deutschen Wissenschaft“ unter der Erklärung leiden könnte, erheblich herabgemindert ist.c

Schon durch die Art der Veröffentlichung war es natürlich ausgeschlossen, dass ich Ihre Aufforderung, den mir am 30.8.d übersandten Brief anzuschliessen, folgen konnte. Aber auch wenn ich die Erklärung in einer Zeitung publiziert hätte, hätte ich nicht die Hand dazu bieten können, vor der Oeffentlichkeit, insbesondere dem Auslande, darzutun, dass auch in diesen Zeiten und in einer so ernsten Gefühlssache die deut-||schen Gelehrten uneinig sind. Auch hier wollen wir uns doch das Wort des Kaisers, dass es jetzt keine Parteien gibt, zu eigen machen. Aus demselben Grunde habe ich auch Haeckel gebeten, von seiner Absicht, eine Entstehungsgeschichte der Erklärung jetzt zu schreiben, wobei es ohne scharfe Ausfälle gegen manchen Gegner nicht abgegangen wäre, abzustehen, und ich hoffe, dass er meiner Bitte entsprechen wird.

Sollten sich wirklich aus der Erklärung unangenehme Folgen seitens der englischen Gelehrten ergeben, so werden ja nur diejenigen betroffen, die ihre Namen unter die Erklärung gesetzt haben. Die andern können nach Friedensschluss ihre Aufgabe darin erblicken, die Beziehungen zu den Vertretern der englischen Wissenschaft, eventuell ebenfalls durch eine öffentliche Erklärung wieder anzubahnen.

In ausgezeichneter Hochachtung und Verehrung

Ihr sehr ergebener

J. Schwalbee

Herrn Geheimrat Prof. Dr. Verworn. Bonn.

a eingef.: Berlin; b korr. aus: unserer; c gestr.: hat; eingef.: ist; d eingef.: 8.; e Unterschr. von der Hand Haeckels nachgetragen

Brief Metadaten

ID
43450
Gattung
Brief ohne Umschlag
Empfänger
Entstehungsort
Entstehungsland aktuell
Deutschland
Entstehungsland zeitgenössisch
Deutsches Reich
Zielort
Zielland
Deutschland
Datierung
07.09.1914
Sprache
Deutsch
Umfang Seiten
2
Umfang Blätter
2
Format
22,7 x 28,6 cm
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 43450
Zitiervorlage
Schwalbe, Julius an Verworn, Max; Berlin; 07.09.1914; https://haeckel-briefwechsel-projekt.uni-jena.de/de/document/b_43450