Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Agnes Haeckel, Potsdam, 29. November 1883

Potsdam 29/11 83.

Liebe Agneß!

In Deinem letzten Brief sprachst Du den Wunsch aus über Annas Befinden etwas zu hören: bis jetzt sind die Nachrichten befriedigend; im Ganzen ist es ja sehr traurig: mir ist es recht schwer die arme Kranke so fern, unter fremden Menschen zu wissen; dann thut mir der Mann und mein armer Karl so leid, und beim Anblick des Kindes, was bis jetzt, Gott lob normal gedeiht, muß ich immer denken, daß es die Mutter entbehrt. – – Die leider nicht sich an die erste Entwickelung der Seele des Kindes sich freuen kann, was doch immer so reizend ist. – – ||

Sehr freut es mich, daß Ihr die Freude hatte: Walters Besuch, auch, daß die erste Geselschaft in Euerem Daheim zu Euerer Zufriedenheit verlauffen ist. Am liebsten besuche ich in Gedanken Dich Abends in der neuen großen Eßstube: mir ist es so lieb, die Kinder so mir der Mutter zusammen zu denken; sind doch Deine beiden Töchter jetzt in dem Alter, wo die Mutter den meisten Einfluß auf ihre Entwickelung haben kann; die Mutter belauscht die kleinen Regungen, gut oder böß bei den Kindern, und kann viel a dazu beitragen, daß || alles ins rechte „Gleis“ kommt. Die Natur der Mädchen kommt so leicht dazu: Alles tändlend zu nehmen, und da übt die Mutter ein gutes Gegengewicht, wenn sie die Töchter zur Arbeit anhält. In Gedanken bin ich oft bei Euch, und trotz der vielen Körperschmerzen bin ich doch froh: Euch in Euerem neuen Heim gesehn zu haben. Mir ist es nur leid, daß Ernst Stube so getrennt von Euch ist, doch Ihr seid ja jung und die Treppen machen Euch keine Mühe, ich denke mir Du bist in der Schummerstunde viel bei Ihm in seiner Stube, und freust Dich mit ihm des Blicks in die Berge. ||

Mein Stilleben war in der letzten Zeit etwas unterbrochen: vorigen Sonntag, war bei mir die Häckelsche Famielientafel, wobei meine Jenenser Kinder leider fehlten, und nicht die schöne Ganz verzähren konnten; Montag meldete sich Helehnen Jakobie mit Clärchen zum Dinstag bei mir an, was mir ja lieb war, ich lud dann Karl etc dazu ein. Gestern war Herrmann mit seiner Frau Abens bei uns, Karl wollte sie aber bei sich haben, und da brachte ich von meinen beiden Braten die Reste herunter. – Doch ich schwatze Dir wohl zu viel vor. – Sei mit Ernst, Clara und den Kindern herzlich gegrüßt von

Deiner alten Mutter

Lotte.

a gestr.: Eu

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
29-11-1883
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36966
ID
36966