Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Agnes Haeckel, Potsdam, 20. – 25. Juli 1880

Potsdam 20/7 80.

Liebe Agnes!

Herzlichen Dank für Deinen lieben Brief. Wie leid thut es mir, daß unser kleines Singvögelchen in Halle so auf die Nase gefallen ist, hoffentlich hat es doch weiter nicht geschadet. So dankbar ich auch bin, daß ich Euch hier gehabt, so ist es mir doch leid, daß es nur so kurz sein konnte, daß so einige Uebelstände, Dir die Reise erschwerten. Nun das ist ja in diesem Leben nicht anders, es geht einmal nicht alles immer so glatt ab. – Hoffentlich geht es auch bald Walter ganz wohl, das er wieder frischer wird. ||

25/7.

Das ruhige Sonntagsstündchen, will ich bennutzen etwas mit Dir, liebe Agnes, zu plaudern, wie schön wäre es wenn ich das in Wirklichkeit könnte. Nun, was nicht sein kann, darin muß man sich finden. Bin ich doch froh und dankbar, daß ich Euch hier hatte, und ist es mir doch als könnt ich im Geiste besser mit Euch fort leben, da ich Euch mal wiedergesehn habe. So kurz auch unser Zusammensein war, so ist mir dadurch doch das frohe Bewußtsein geblieben, daß ich mich gegen Dich wahr und a offen über alles aussprechen kann, und das ist ja das || was ich immer als Grundlage ansehe, auf die wir miteinander bauen und leben wollenb. – Mein Leben ist abgelauffen und ich kann nichts mehr wirken, aber lieb kann ich Euch behalten, und so lange es Gottes Wille ist, c mit Euch hier fortleben; und unsere theilnehmende Liebe begägnet sich da für die Kinder, deren geistiges und körperliches Gedeihen uns am meisten am Herzen liegt. Weiß ich doch wie lieb Du und Ernst die Kinder hast, und doch drängt sich mir, seit ich wieder einige Tage mit Euch gelebt habe, die Bitte an Euch auf: nehmt || es jetzt mit Kleinigkeiten in der Erziehung nicht zu leicht, Euere Kinder sind jetzt in dem Alter, wo sich manched Grundzüge im Wesen entwickeln, und festsetzen. Wenn ich auch das ewige Befehlen nicht leiden kann, und finde jeder Mensch muß sich nach seiner Eigenthümlichkeit entwickeln, so e müssen wir doch bei dem uns anvertrauten Kindern unbemerkt alles überwachen und sehen wo etwas zu lenken und auszugleichen ist. Besonders meine ich immer: die Erziehung der Töchter wird zu leicht ge-||nommen, und denen thut grade ein ernster Unterricht Noth; da die weibliche Natur nur zu geneigt ist alles leicht und tändelnd zu nehmen; dabei entwickelt sich kein fester selbständiger Carakter. Ich fürchte Du wirst noch manches mit Lisbet durchzumachen haben, sie scheint mir von der Natur gut begabt zu sein, aber es ist gefährlich für sie, daß ihr so viel weiß wird gemacht. So ärgere ich mich immer, wenn die Menschen im Verkehr mit Kindern sich nur amüsieren und nicht klar machen, wie sehr sie solche jungen Wesen schaden. – ||

Recht leid thut es mir, daß Walter nicht wohl hier war, so hat er wenig von Potsdam gehabt, und ich konnte mich auch nicht ohne Sorge seiner freuen; mir kam sein Zustand fiebrig vor, und doch mocht ich es ihm nicht merken lassen, der kleine Mann schien mir wie ein angehender Hypokonder. – Doch wo bin ich hingerathen, als ob ich mündlich mit Dir verkehrte. Nun Du weißt, wie ich es gut mit den Kindern meine, und Gott lasse Euch noch viel Freude an den Kindern erleben, grüsse sie herzlich von Deiner Dich herzlich liebenden Mutter.

a gestr. auf; b korr. aus: sollen; c gestr.: t; d korr. aus: die; e gestr.: finde

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
25-07-1880
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36879
ID
36879