Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Agnes Haeckel, Potsdam, 12. Dezember 1874

Potsdam 12/12 74

Liebe Agnes!

Herzlich danke ich Dir für Deinen lieben, gestern erhaltenen Brief, der mir so viel Freude machte, da ich dadurch von den Kindern hörte und von Euerem Leben. Gott sei Dank, daß es Euch so gut geht. In Gedanken versetzt ich mich zu Euch, und durchlebte alles mit Euch; welchen Schreck werdet Ihr heute vor 8 Tagen gehabt haben, nun es ist nur gut, daß das Feuer nicht weiter um sich gegriffen hat. Bei solch ernsten Ereignissen tritt uns recht lebhaft die Vergänglichkeit des irdischen Besitzs entgegen, und wie wir uns nicht zu fest auf denselben verlassen sollen. ||

Leid thut es mir, daß Deine liebe Mutter jetzt einen Mädchen Wächsel hat; es ist nur gut, daß dieser Winter nicht so sehr kalt ist, sonst würde Deine Schwester Clara viel davon leiden müssen. Wie steht es aber mit Deinen Mädchen? hast Du Aussicht zu Ostern eine zu bekommen?; ich wünsche Dir herzlich, daß Du zu den Kindern eine recht zuverlässige und brave Person bekommst. –

Gestern ist der Schinken glücklich angekommen, und ich sage Dir und Ernst herzlichen Dank dafür. Wenn Ihr es aber so macht, kann ich ja nicht wieder mir von Euch was besorgen lassen. || Von meiner Schwester aus Bonn haben wir noch immer keine Nachricht, gebe Gott, daß es ein gutes Zeichen ist, ich bin sehr in Sorge; direkt von Bleeks haben wir nichts gehört, Frau Kortüm hatte an Tante Bertha geschrieben, die mit dem Brief zu mir kam. Bertha, die gleich hin geschrieben, versprach mir gleich Nachricht zu geben, wenn sie was hörte. Gestern schrieb mir nun Bertha, daß sie noch immer nichts erfahren habe. – Mir ist es lieb, daß Du mir schreibst Herr Doctor Hertwig habe Auguste nach dem ersten Schlaganfall unverändert gefunden. Möge auch diesmal meine Sorge unnöthig sein, und wir bald beruhigende Nachricht erhalten. ||

Bei allen Sorgen ist mir noch gar nicht weihnachtlich zu Muthe, und doch ist das Fest schon so nah; möge wahre Weihnachtsfreude unser aller Herz erfüllen. Das kleine Volk wird recht fröhlich sein, und die lieben Eltern mit ihnen. Du schreibst Du habest jetzt viel zu thun, nun wenn Du nur recht gesund und fröhlich dabei bist, dann hat Deine böse Schwiegermutter kein Mitleid mit Dir, nach ihrer Ansicht: ist Arbeit der größte Seegen und aller Menschen Loos. Ernsten schicke ich hierbei den Brief zurück, den er mir zum Lesen geschickt. Sei Du, liebe Agnes, mit allen Deinen Lieben auf’s innigste gegrüßt von Deiner

alten Mutter Lotte.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
12-12-1874
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36622
ID
36622