Haeckel, Carl Gottlob

Carl Gottlob Haeckel an Adelheid von Bassewitz, Berlin, 11. März 1864

Berlin 11 Maerz 64

Meine theure Freundin!

Es drängt mich recht, mich Ihnen mitzutheilen, da meine jetzigen Zustände soviel ähnliches mit denen nach Emiliens Tode vor 46 Jahren haben, von welcher Sie eine so theilnehmende Freundin waren. Gerade dieselbe furchtbare Verlaßenheit von der Welt, die mich damals so schwer drückte, lastet jetzt auf meinem Ernst. Er hat dieses Gefühl am stärksten in der ersten Nacht nach unserer Trennung in Apolda in Frankfurt a/M gehabt, wo er gar nicht schlafen konnte und deßen Furchtbarkeit er gar nicht genug beschreiben kann. Aber auch wir hier sehen uns immer nach der geliebten Tochter um, die nun einmal aus dieser Zeitlichkeit verschwunden ist und die wir aus allen Kräften zurük wünschen. Das Ereigniß ist darum so außerordentlich tragisch, weil nach den Versicherungen aller dortigen Freunde dieses junge Paar das höchste irdische Glük genoßen hat, was man nur haben kann. Die Verstorbene hat immer geäußert: sie sei vollkommen glüklich, es fehle ihr nichts und so sind sie wie ein Paar unschuldiger Kinder nebeneinander hergegangen und alle Welt hat sich über sie gefreut und so war auch die Trauer in dieser kleinen Stadt und die Theilnahme an diesem Ereigniß fast allgemein. Frau v. Scheel hat sie noch als Leiche gesehen, nicht entstellt, aber völlig verändert. Ich kam eine Stunde vor dem Begräbniß und konnte noch daran Theil nehmen. Meinem Sohn, der krank zu Bette lag und erst nach einigen Tagen wieder aufstehen konnte und meiner Frau war es nicht möglich, es war aber ein großer Trost für ihn, daß wir bei ihm waren und so werden wir auch Anfang Mai nach Jena gehen und dort den Sommer zubringen. Denn wenn er um diese Zeit von Nizza zurük kommt und seine Anna nicht findet, dann wird der Schmerz erst recht losbrechen. Das weis ich aus eigener Erfahrung und Sie haben mich damals in meinem Schmerz gesehen. Die Hauptfrage entsteht nun: wie dieses Ereigniß bei meinem Sohn auf die Dauer wirken wird? Das müßen wir abwarten, diesen innern Proceß muß er in sich selbst durchmachen und wir können ihm nur hin und wieder zur Hand gehen und ihn aufklären helfen. Ich wünsche daher sehr noch so lange zu leben, bis er wieder das richtige Gleis gefunden haben wird, worüber die nächsten Jahre wohl hingehen werden. Soll ich nach mir urtheilen, || so wird dieser große Verlust eine immer dauernde Wirkung bei ihm hervorbringen. Es wird ihm vielleicht schwerer werden als mir, da er an seinen naturwißenschaftlichen Studien ein großes Gegengewicht finden wird. Da er aber viel Gemüth hat, so wird sich auch das religiöse Element in ihm stärken. Sonderbar! Daß nach den Erfahrungen zwar Studien dieses Element oft zurückdrängen, da doch die innere Erkenntniß der Naturgesetze eher auf die göttliche Weisheit und Ordnung zurückweisen muß. – Was mir aus jener Zeit für mein ganzes Leben geblieben, ist eine starke Richtung nach dem Ewigen bis auf den heutigen Tag und dieses war um so nothwendiger, als mich diese irdische Welt auf mannigfache Weise gewaltig anzog. Da kam mir aber später die Gunst des Himmels wieder zu Hülfe, daß ich meine Frau fand, die durchaus innerlich war und die mir in meinem Streben, das Ewige festzuhalten, so wesentlich zur Seite stand. Ich kann wohl sagen: daß dieser so unerwartete tragische Verlust meiner Schwiegertochter mich selbst wieder aus dem Gleise gebracht hat und daß ich mich recht zusammen nehmen muß, um es wiederzufinden. Dieser Todesfall weist mich am Abend meines Lebens aufs stärkste auf die Ewigkeit hin, die ich mir immer vor Augen zu behalten bestrebt gewesen bin. Sehe ich dieses Hinweggeraftwerden von dieser Welt vor mir, das schnelle Dahinwelken eines blühenden glücklichen Lebens, so frage ich den lieben Gott: warum? erhalte aber keine andere Antwort, als: Schaue um Dich, suche die Welt und die Menschengeschichte zu verstehen und Du wirst es begreifen. Nur ein kurzes Stadium in dem unendlichen ewigen Leben des Geistes ist dieses irdische Leben. Siehe, sagt mir Gott, ich fordere täglich Tausende in der Blüthe des Lebens von hier weg und andere Tausende treten wieder an diese Stelle, so bildet sich das Leben der Menschheit auf dieser Erde; aber ist denn in diesem Menschheitsleben Plan und Weisheit? Allerdings die allerhöchste! Aber Du mußt dieses Leben nach Jahrtausenden berechnen, da wirst Du schon hier diesen Plan erkennen! Und so ist es allerdings! Ich kehrte in diesen Wochen wieder zu dem Trost unseres Lebens, zum Christenthum zurück. Ich wollte mich an der eigensten Natur unseres Erlösers erquicken und fand sie am tiefsten geschildert im Evangelio || Johannis das 8te Capitel gegen das Ende und das 10te. Da fand ich Christus den Menschen mit Gott vereint, da fand ich die göttliche Liebe, indem sie auf diese Menschennatur uns zuwies, um uns zu ihm zu ziehen. In diesen Gedanken besuchte ich vor einigen Tagen einen Vortrag von Sydow über die Natur Jesu Christi und siehe da: ich finde darin meine eigenen Auffaßungen, nur klarer und vollständiger ausgesprochen. Christus bleibt uns Mensch, er ist nicht Gott, er lehnt dieses ausdrücklich von sich ab, aber er ist ganz in Gott und sein Wesen vertieft. Er ist sich seiner göttlichen Sendung bewußt, diese Erdenwelt, oder vielmehr das Menschengeschlecht auf Erden zu reformiren und eine beinah 2000 jährige Geschichte lehrt uns, daß er sie reformirt hat. Wir brauchen keine Wunder mehr. Denn diese fortwährende Regenerirung des Menschengeschlechts ist das größte Wunder. Er schaut in das ewige Leben hinein, er weist uns auf die Vergänglichkeit dieser Welt hin. Aber schon hier auf Erden will er das Reich Gottes stiften, indem wir uns täglich den Zusammenhang mit der Ewigkeit vergegenwärtigen sollen. Es ist nicht wahr, daß diese Welt immer schlechter werde – das Christenthum hat sie bereits bis auf einen gewißen Grad veredelt, auch der geringste Mensch fordert jetzt sein Recht und es wird anerkannt! Die Geschichte lehrt uns, daß dieses vor dem Christenthum nicht der Fall gewesen, die Rohheit hat ungemein abgenommen und die Menschen sind menschlicher geworden. Wohl sehen wir noch täglich Millionen Menschen in den Tag hineinleben und sich den irdischen Genüßen ergeben, das wird auch auf dieser Welt nicht aufhören, denn sie ist eben eine Erdenwelt. Sie ist eben nur ein kurzes Stadium in der Entwikelung des Ewigen im menschlichen Geist. Das darf uns aber nicht blöd machen auch gegen die Entwikelung dieser Welt, wie sie von Gott beschloßen ist und folgen wir der Geschichte der Menschheit, so finden wir in ihr Plan, Fortschritt und Ordnung. ||

Sie feiern verehrte Freundin in einigen Tagen Ihren Geburtstag, sie werden 80 Jahr. Nachdem Sie jahrelang häusliches Familienglück ungestört genoßen, brechen Verlust und Schmerz auch über Sie hinein, sie verloren liebe Kinder, zuletzt auch Ihren Gemahl, den menschenfreundlichen Mann, der ein Herz voll innerer Liebe für die Menschen besaß. Nun da oben werden wir uns hoffentlich wieder zusammenfinden; in welcher Gestalt das wißen wir nicht. Soll aber jenes Leben eine Fortsetzung des hiesigen sein, worauf unser Innerstes hinweist, sollen wir dort einen Rükblick auf die Erlebniße unseres hiesigen Lebens haben, was sogar unser Gewißen fordert, so werden wir auch diejenigen Gestalten, mit denen wir hier geistig vereinigt waren, dort wieder finden. Gott erleichtere Ihnen hier die Beschwerden des noch übrigen Alters. Wir stehen schon an der Schwelle der Ewigkeit, möge sie uns freundlich aufnehmen.

Als Ihre Frau Tochter, die Frau von Kessel, gestern hier war, wurde eben in meiner Wohnung das Testament eines verstorbenen Oncles, des jüngsten Bruders meines Schwiegervaters des Geheimraths Sethe in Aurich publicirt, er hat ebenfalls ein solches Alter erreicht, 86 Jahr, und ist sanft hinübergeschieden. Dieser Publicationsact verhinderte mich, Frau von Kessel zu sehen. – Wir haben jetzt einige unruhige Wochen vor uns, wir verändern unser Quartier und ziehen in die Schellingstraße N. 14. 2 Treppen hoch zum 23sten dieses. Dann werden uns die Kinder aus Landsberg a/W besuchen und etwas später dann hoffe ich mit meiner Frau Sie jedenfalls im Laufe des April noch in Potsdam zu besuchen. Wir werden dann vorher anfragen: welcher Tag Ihnen genehm ist.

Die herzlichsten Grüße von meiner Frau.

Mit unveränderter Anhänglichkeit

Ihr alter Freund

Haeckel.

 

Briefdaten

Datierung
11-03-1864
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 32017
ID
32017