München 10 August 19.
Mein lieber Walther,
Du weißt es wohl daß ich jetzt bei Euch nachts schlafe.
Josefa ist Samstag morgen abgereist, als ich gestern abend halb 9 Uhr abends in die Wohnung ging fand ich das Telegramm vor.
Obgleich Ihr ja immer auf diesen Augenblick vorbereitet wart, so ist es doch ein gewaltig nervenerschütternder Augenblick, wenn der letzte Atemzug aus dem Körper entweicht, namentlich bei Deinem Vater, der Großes geleistet hatte.
Ein Glück jedoch daß er so sanft entschlummert ist. ||
Das Telegramm habe ich heute in aller frühe nach Unterjoch befördert. Die Todesanzeige kann ich erst morgen früh aufgeben heute Sonntag war geschlossen. Es liegt ein Brief von der Frankfurter Bank soll ich ihn Dir nachschicken oder an Josefa. bitte schreiben.
Es ist nun alles so anders gekommen, ich möchte Dir aber doch meinen innigsten Dank sagen, für alles was Ihr mir Liebevolles erwiesen habt. Vor Allem die schöne Lampe die Ihr mir gestiftet, da bin ich gezwungen noch etwas zu leben, um die herrliche Beleuchtung noch etwas zu genießen. Ach wie glücklich ist doch Vater Haeckel daß er so sanft eingeschlafen ist. ||
Die Vorstellung „Palaestrina“ hat mir besonders gut gefallen, ich will nicht direct sagen, daß ich die Musick ganz verstanden hätte. Aber der erste und letzte Ackt waren besonders schön. Der erst Ackt war so fein in der Musick, Dekoration so stimmungsvoll, Erbo sang so schön, man erkannte ihn nicht, er ähnelte sehr dem Oberlehrer Freitag die Gestalta auch so klein. Schade daß Du nicht mitgenießen konntest.
Zum Schluß lebe wohl, Du bist jetzt sehr in Anspruch genommen, wann ist die Einäscherung.
Herzlichen Gruss
Deine Schwmutter
a gestr.: beschm; eingef.: die Gestalt