Obergrainau d. 14.8.19.
Sehr geehrte gnädige Frau!
Auf der Fahrt von Tübingen nach den Alpen las ich in der Zeitung die Nachricht vom Heimgange Ihr Herrn Vaters, des grossen Haeckel. Gestatten Sie, dass ich Ihnen zu diesem grossen Verlust meine aufrichtigste Teilnahme ausspreche. Ein reiches Menschenalter hat er ausgelebt, reich an Arbeit, reich an Erfahrungen, reich an grossen herrlichen Taten des deutschen Volkes bis zu der Zeit || heute, die er voll mit erleben musste, wo unser Volk sich als das erbärmlichste, jammervollste bewies, wo es im Bruderkrieg „Taten“ vollbrachte die nur ein Volk aller Ehre bar, ohne straffe Führung u. Organisation zu begehen wagt. Für einen Mann, der 48, 66 u. 70/71 erlebte, fruchtbar das Volk vor dem Abgrund zu wissen ohne vorläufige Aussicht auf Errettung für die Zukunft. Das Schlimmste freilich scheint uns erspart zu bleiben nach dem Fiasko in Ungarn, nicht aber durch eigene Tat u. Entschlossenheit vollbracht, sondern durch die Güte der Entente, die sich selbst dadurch || bedroht sah.
Von den Schriften von Ernst Haeckel von seinen Lebensanschauungen u. Forschungen habe ich, – muss ich zu meiner Schande gestehen – bisher nur ganz wenig gelesen, hoffe aber später mich mit seinen Anschauungen noch vertraut machen zu können, wenn ich nicht mehr so viel Zeit fürs eigene Studium brauche.
Mit ergebenen Grüssen, auch an Ihren Herrn Gemahl
bin ich Ihr sehr ergebener
Wilhelm Volkmann.
Hier in Obergrainau in der Post ist es natürlich herrlich, mein Vater ist gerade auf der Jagd nach einem Gamsbock.