Osterwald, Wilhelm

Wilhelm Osterwald an Carl Gottlob Haeckel, Merseburg, 26. September 1855

Hochgeehrter Herr Oberregierungsrath!

Sie entschuldigen es wohl mit der Spannung, in der ich seit Ostern gelebt habe, daß ich nicht schon früher an Sie geschrieben habe. Trotz aller Hoffnungen, die mir gemacht sind, trotz aller wohlbegründeten Aussichten und trotz der dringenden Empfehlungen meiner unmittelbaren Vorgesetzten und namentlich auch der Hh. Präsid. von Wedell und Oberpräs. von Witzleben ist diese Spannung nun endlich so gelöst, daß der Herr Minister die mich betreffenden Vorschläge des Provinzialschulcollegiums rude abgelehnt hat. Wenn es ein Trost ist Genossen des Malheurs zu haben, so habe ich reichen Trost. Wohl an zehn Gymnasien spielt seit 2–3 Jahren dasselbe Stück; überall sind Creaturen von strengster Farbe und †politischer Haltung à tout prix unterzubringen. || Hier ist, wie es mir immer klarer wird, schon seit Jahren durch Kreuzritter gewählt, um einem Mann erst Platz zu schaffen (daher die fortschreitenden Denunciationen gegen Wieck) und nun anzubringen, der nach dem Urtheil aller Competenten zwar unfähig ist, ein Rectorat zu verwalten, aber in der Farbe Stich hält. Ich selbst muß unter solchen Umständen meine Blicke natürlich anderswohin richten und zweifle, da mir die Behörden nur so viel ich weiß auch Dr. Wiese wohlwill, nicht an einer baldigen anderweitigen Beförderung.

Unser guter Wieck nimmt morgen an der Schule Abschied. Die Schüler schenken ihm einen silbernen Pocal. Auch seine älteren Schüler, wie seine Freunde, Gönner und Collegen haben gesammelt, um ihm bei seinem Weggange von hier nach Leipzig noch ein werthvolles Ehrengeschenk zu || überreichen. Als Mitglied des Comités für diese Angelegenheit hätte ich längst bei Ihnen anfragen müssen, ob Sie geneigt sind, durch einen Geldbeitrag sich zu betheiligen, aber ich bin bei den verschiedenartigsten Eindrücken, die auf mich einstürmten, kaum fähig gewesen, einen geordneten Brief zu schreiben –; und da die Überreichung des Geschenks, dessen Wahl noch nicht fest steht, erst am 1sten oder 2ten October stattfinden wird, so würde Ihr Beitrag, wenn Sie uns damit erfreuen wollen, immer noch rechtzeitig eintreffen.

Daß Schulrath Schaub gestorben ist, haben Sie wohl aus den Zeitungen erfahren. Wir verlieren viel an ihm. Auch Buchbinder wird uns verloren gehn, er ist zum a Professor in Pforta als Jacobi’s Nachfolger designirt. ||

Meine Frau, der es mit ihren vier Kinderchen Gott sei Dank! wohl geht, empfiehlt sich mit mir Ihnen und Ihrer verehrten Frau Gemahlin.

An Ernst, den ich herzlich zu grüßen bitte, schreibe ich, sobald das Gemüth wieder gehörig „eingerenkt“ sein wird. Er darf es mir nicht übel nehmen, daß ich in diesem Sommer voll Spannung, Arbeit, Aufregung und Mißstimmung nicht zu einem brieflichen Gespräch mit ihm gekommen bin, so sehr es meinem Herzen auch Bedürfniß war.

In treuer Verehrung

Ihr

ergebenster

Osterwald.

Merseburg

d. 26 Sept.1855.

a gestr.: Mathe

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
26-09-1855
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 23801
ID
23801