Walther, Johannes

Johannes Walther an den Prorektor der Universität Jena, Weida , 14. Oktober 1888

Weida den 14 Oktober 1888

Ew. Magnificenz,

Erlaube ich mir für das bevorstehende Wintersemester Urlaub zu einer Reise nach Südarabien, Indien und Ceylon zu bitten.

Von dem Lyell’schen Grundgedanken ausgehend, daß die geologischen Probleme nur von demjenigen ihrer endgültigen Lösung näher geführt werden können, der über eine reiche Erfahrung und eigene Anschauung der großen Prozeße gebietet, welche heutzutage zerstörend und aufbauend auf der Erdrinde wirksam sind; ist es seit Beendigung meiner Studienzeit mein vornehmstes Ziel gewesen, die Probleme der dynamischen Geologie zu studiren.

Die thätigen und erloschenen Vulkane Italiens haben mich auf dem Gebiet des Vulkanismus heimisch gemacht, in den Alpen und in Skandinavien lernte ich die Gletscherphänomene kennen, || und die Prozesse des Meeresgrundes und der Meeresküsten habe ich an den europäischen und nordafrikanischen Küsten eingehend studirt.

Vor zwei Jahren war ich längere Zeit in der Wüste, um die wüstenbildenden Kräfte zu untersuchen und über meine Untersuchung der Korallenriffe erscheint soeben eine Abhandlung in den Schriften der Königlich Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften.

Von den großen geologischen Prozessen, welche auf der Erdrinde heute wirksam sind, fehlt mir nur noch eine kritische Anschauung der Tropennatur; viele Probleme, selbst in Thüringen, haben mir die Nothwendigkeit gezeigt, die Erscheinungen des Tropenklimas und der Tropenmeere aus eigener Anschauung kennen zu lernen.

Professor Schweinfurth reist am 27. Oktober nach Südarabien und Yemen, und es bietet sich mir die Gelegenheit einige Zeit mit ihm zusammen zu reisen, und einige Fragen mit ihm weiter zu untersuchen und zu diskutiren, welche ich auf unserer gemeinsamen Wüstenreise mit ihm studirt habe. Außerdem hat ein Herr, der sich für meine Arbeiten interessirt, mir 4000 Mk zur Verfügung gestellt, wenn || ich die längst geplante Reise nach den Tropen unternehme.

Wenn somit die äußeren Bedingungen meiner Reise sich sehr günstig darstellen, und Professor Schweinfurth, Professor von Richthofen, ebenso wie Professor Haeckel mir rathen, die günstige Gelegenheit zu ergreifen – so kann ich doch nicht verschweigen, dass ein schwerwiegendes Bedenken dagegen spricht – denn Ew. Magnifcenz und die Mitglieder der hohen philosophischen Fakultät könnten glauben, daß solchen Reisen gegenüber meine akademische Tätigkeit in den Hintergrund treten könne.

Ich habe Ew. Magnificenz oben die Gründe darzulegen versucht, welche mir eine Reise nach den Tropen als unumgänglich nothwendig für meine künftigen Arbeiten erscheinen lassen; und ich hoffe bestimmt, daß gerade für meine fernere Lehrtätigkeit diese Reise einen hohen Nutzen bringen wird.

Außerdem aber scheint mir gerade der bevorstehende Winter besonders geeignet, um ihn zu einer solchen Reise zu benutzen, da die Paläontologie durch ein dreistündiges Colleg des Herrn Professor Kalkowski vertreten ist und ich daher besonders leicht abkommen kann. Ich gestatte mir daher Ew. Magnificenz ergebenst um die Ertheilung des gewünschten Urlaubes || zu bitten, damit ich, mit neuen Erfahrungen bereichert, im Sommersemester 1889 meine Vorlesungen wieder aufnehmen kann.

Indem ich dem Bescheide Ew. Magnifcenz entgegensehe, zeichne ich

ehrfurchtsvoll und ergebenst

Dr. phil. Johannes Walther

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
14-10-1888
Entstehungsort
Zielort
Jena
Besitzende Institution
Universitätsarchiv Jena
Signatur
UAJ, BA 461, 85r-86v
ID
47897