Haeckel, Ernst; Stahl, Ernst

Bericht der Professoren Ernst Haeckel und Ernst Stahl über die Wiederbesetzung der Professur der Mineralogie, Jena, [10.] März 1885]

Decane maxime spectabilis!a

Hinsichtlich der Vorschläge zur Besetzung der ordentlichen, durch den Tod des Geheimen Hofrath Dr. E. E. Schmid erledigten Professor der Mineralogie sind für die beiden unterzeichneten Vertreter der Zoologie und Botanik zunächst einige principielle Gesichtspunkte von allgemeiner Bedeutung maßgebend gewesen. Gleich allen anderen Naturwissenschaften hat sich auch das Gebiet der sogenannten „Mineralogie“ durch die großartigen Fortschritte des letzten halben Jahrhunderts so sehr erweitert, und die einzelnen Zweige derselben haben an Inhalt und Umfang so sehr gewonnen, dass kein Naturforscher mehr im Stande ist, das ganze Gebiet gleichmäßig zu beherrschen.||

In Folge dessen ist an allen größeren Universitäten für eine möglichst zweckmäßige Vertretung dadurch gesorgt worden, dass zwei verschiedene ordentliche Professuren errichtet worden sind: die eine für Geologie, Stratigraphie und Palaeontologie, die andere für Mineralogie, Krystallographie und Petrographie. An jenen mittleren und kleineren Universitäten, an welchen diese naturgemäße Zweitheilung zur Zeit nicht durchführbar ist, und demnach ein einziger Ordinarius das ganze Gebiet zu vertreten hat, geschieht dies fast überall in der Weise, daß die Hauptvorlesung des einen Semesters die Geologie und Palaeontologie umfaßt, diejenige des anderen die Mineralogie und Petrographie.

Auch an unserer Universität hat der verstorbene Ordinarius Ernst Erhard Schmid diese Theilung befolgt, indem derselbe seit langen Jahren || regelmäßig im Sommer (6 stündig) allgemeine Geologie und im Winter (6 stündig) specielle Mineralogie docirt hat. Außerdem hat derselbe auch kleinere Vorlesungen über Krystallographie und andere Special-Fächer gehalten, hingegen nicht über Palaeontologie, ein Special-Fach, dessen Bedeutung durch die glänzenden Entdeckungen der letzten Decennien außerordentlich gestiegen ist. In Anerkennung dieser Bedeutung hat der Verstorbene auch wiederholt, im Vereine mit den beiden unterzeichneten Collegen, die philosophische Facultät darauf hingewiesen, wie wünschenswerth es sei, eine außerordentliche Professur für Paläontologie zu errichten, und dadurch eine der bedauerlichsten Lücken in den Unterrichts-Bedürfnissen unserer Facultät auszufüllen. ||

Da jedoch leider zur Zeit keine Aussicht besteht, diesen Wunsch zu erfüllen, und da auch, dem Vernehmen nach, die erwünschte Zweitheilung des ordentlichen Lehrstuhls für das Gesammtgebiet der geologischen Wissenschaften hier nicht durchführbar ist, so glauben die Unterzeichneten das Hauptgewicht darauf legen zu müssen, daß der zu berufende Vertreter desselben vor allem die allgemeine Geologie auf der Höhe ihrer gegenwärtigen Entwicklung befriedigend zu lehren imstande ist. Die allgemeine Geologie – als die Wissenschaft vom Bau und der Entwicklung des Erdkörpers – ist eine Naturwissenschaft von universalem Interesse, mit deren Grundzügen jeder Studirende der Naturwissenschaft, insbesondere jeder Lehrer derselben, vertraut || sein sollte, und welche Anziehungskraft auf Gebildete der verschiedensten Kreise ausübt. In anderen Ländern (England, Frankreich, Schweiz) ist diese universale Bedeutung der Geologie weit mehr entwickelt und für die allgemeine Bildung verwerthet als in Deutschland, hauptsächlich aus dem Grunde, weil hier mehr am alten Herkommen festgehalten, und die descriptive Mineralogie als das Hauptfach dieses Gebietes angesehen wird.

Nach unserer Ansicht hingegen, die wir auf Urtheile der bedeutendsten geologischen Autoritäten gründen, ist die Mineralogie und Petrographie nicht mehr und minder ein specieller subordinirter Theil der allgemeinen Geologie, als auf den anderen Seiten die Palaeontologie und Stratigraphie. Wie die beiden letzteren nähere Beziehungen zur Zoologie und Botanik besitzen, so die beiden ersteren zur Physik und Chemie. ||

Da in unserer philosophischen Facultät gegenwärtig kein Naturforscher sich befindet, der ein competentes Urtheil über das Gesammtgebiet der Geologie in dem angedeuteten Sinne abgeben könnte, so haben wir uns mit der Bitte um ein Gutachten über unsere principielle Auffassung und um Vorschläge von geeigneten Candidaten an einige der hervorragendsten Vertreter der allgemeinen Geologie gewendet, die das Gesamtgebiet überblicken und die gleich weit entfernt sind von einseitiger Überschätzung der Mineralogie und der Palaeontologie.

Indem dieselben unsere leitenden Principien billigten, haben sie uns zugleich eine größere Anzahl von geeigneten Candidaten bezeichnet, unter diesen jedoch einen mit auffallender Übereinstimmung so sehr ausgezeichnet, daß wir uns || bewogen finden, zunächst nur ihn allein in Vorschlag zu bringen.

Es ist dies Dr. phil. Gustav Steinmann, Privatdocent in Strassburg. Derselbe ist geboren in Braunschweig, gegenwärtig etwa 30 Jahre alt, hat seine Studien in München und Strassburg gemacht, und war dann mehrere Jahre bei den geologischen Aufnahmen in Elsass-Lothringen thätig. Er wird uns übereinstimmend geschildert als ein junger Naturforscher von ungewöhnlich vielseitiger und origineller Begabung, „von einer seltenen Energie und Arbeitskraft“– „von großem Talent, scharfer Beobachtung, klarem Kopf, lebhaft in der Auffassung, äußerst anregend in der Darstellung“; auf mehrfache nach Strassburg gerichtete Anfragen wird uns übereinstimmend versichert, dass er sich auch als Charakter, ebenso wie als Forscher und Lehrer, dort der allgemeinsten Achtung erfreue. ||

Ganz besonders fällt für unsere Empfehlung ins Gewicht, daß Dr. Steinmann größere Reisen zu geologischen Zwecken ausgeführt und insbesondere 2 Jahre in Süd-America (Chile, Bolivia, Patagonien) sich aufgehalten, und hier eine Fülle von neuen Beobachtungen und von originellen Anschauungen gesammelt hat, über welche sich die competenten Fachgenossen einstimmig in Ausdrücken der höchsten Anerkennung äußern.* Da wir uns über die publicirten Arbeiten und die Lehrerfolge des Dr. Steinmann kein eigenes Urteil anmaßen wollen, beschränken wir uns hier auf die Versicherung, daß wir auch nach gewissenhafter Prüfung aller uns zugegangenen Mittheilungen in ihm bei weitem den geeignetsten unter allen genannten Candidaten erblicken, und lassen nachstehendes Verzeichniß seiner publicirten Arbeiten und die Urtheile von drei verschiedenen Autoritäten folgen, von denen der eine (Prof. von Richthofen) das Gesammtgebiet der Geologie beherrscht, der andere (Prof. Rosenbusch) des Special-Fach der Mineralogie und der dritte (Professor Benecke) das Spezialfach der Palaeontologie vertritt.

Schließlich können wir nicht umhin, den Wunsch auszusprechen, daß bei dieser Gelegenheit mit einer veralteten Tradition gebrochen, und die bisherige „Professur der Mineralogie“ in eine „Professur für Geologie und Mineralogie“ verwandelt werde, wie es auch bereits auf anderen Universitäten geschehen ist. Je mehr die Universität Jena ihrer Natur und Tradition nach auf die Pflege der universalen und philosophischen Richtung in allen Wissenschaften angewiesen ist, je weniger sie in der exclusiven Pflege einzelner Special-Fächer mit größeren Universitäten concurriren kann, desto mehr erscheint sie verpflichtet, bei der Besetzung der Hauptfächer die angemessene Vertretung des generellen Prinzips in den Vordergrund zu stellen.

Hochachtungsvoll ||

Beilagen

I. Urtheil des Professors Dr. von Richthofen in Leipzig.

„Dr. Steinmann in Strassburg, jetzt Privatdocent, war mehrere Jahre bei den geologischen Aufnahmen in Elsass-Lothringen thätig. Ich lernte ihn kennen, als er mir und einigen Anderen als geologischer Führer im Jura bei Metz diente. Er ist ein junger Mann von ca. 30 Jahren, von großem Talent, scharfer Beobachtung und klarem Kopf, lebhaft in der Auffassung, äußerst anregend in der Darstellung, dabei ein prächtiger liebenswürdiger Mensch. Seine Arbeiten, namentlich über Jura-Formation, gelten als vorzüglich. Jetzt ist der zwei Jahre in Patagonien, Chile und Bolivia gereist. Er besuchte mich hier in Leipzig und ich konnte die Reichhaltigkeit seiner Beobachtungen, || die uns endlich Klarheit über die Anden geben, kennen lernen. – Er ist ein Mann von weitem Blick. Seine Reisen haben ihn ein außerordentlich reiches Beobachtung-Material über eine Fülle geologischer Gegenstände, auch über den Vulcanismus der Anden, eingetragen. Ich würde ihm vor Antritt seiner Reisen empfohlen haben, und kann dies nun in verstärktem Maaße thun. Für keinen anderen Candidaten kann ich so ohne jeden Rückhalt eintreten.“

II. Urtheil des Professors Dr. Rosenbusch in Heidelberg

Dr. Steinmann ist mir persönlich als äußerst kenntnißreicher junger Gelehrter von seltener Arbeitskraft und großer Willensstärke bekannt. Aber lange Zeit in den südamerikanischen Republiken abwesend, und kehrte von dort erst 1884 zurück. || Die kurzen Mitteilungen, welche er während seiner dortigen Untersuchungen nach Europa gelangen ließ, zeigen einen hohen Grad von geologischer Beobachtungsgabe und lassen mit großer Zuversicht annehmen, daß seine definitiven Publicationen, mit deren Ausarbeitung ich ihn beschäftigt weiß, die Anden-Geologie bedeutsam fördern werden. Wegen dieser Arbeiten bereits vor, so glaube ich, würde er seinen Competitoren gegenüber einen starken Vorsprung haben. Auch kann ich von Steinmann sagen, daß seine Lehrbegabung eine zweifellose ist, und stütze mich dabei auf Äußerungen seiner Schüler, sowie seines jetzigen Chefs, des Collegen Benecke in Strassburg. Ich darf nicht vergessen zu erwähnen, daß Steinmann eine entschieden originelle Natur ist, von der sich mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen läßt, daß sie sich nicht in den ausgetretenen Gleisen der Berufs-Mittelmäßigkeit hinschleppen wird. ||

III. Urtheil des Professors Dr. Benecke in Strassburg.

Dr. Steinmann besitzt ein ausgedehntes geologisches und palaeontologisches Wissen; er steht auf ganz allgemein geologischer Basis, hat in Deutschland und den angrenzenden Ländern Viel gesehen und zuletzt noch auf einer zweijährigen Reise in Süd-Amerika seine Anschauungen sehr erweitert. Besonders ausgedehnte Kenntnisse besitzt er in der Palaeontologie und hat sich stratigraphisch mit Jura und Kreide-Formation beschäftigt. Seine, für seine Jugend zahlreichen Publicationen haben zum Gegenstand fossile Spongien, Kalk-Algen, Ammoniten etc. Er ist auch wesentlich betheiligt an der Aufnahme einer im Druck befindlichen geologischen Karte Deutsch-Lothringens. Als Docent hat er nach verschiedenen Richtungen guten Erfolg gehabt; er leitet || palaeontologische Übungen im hiesigen Institut, unterrichtet die Studenten im Felde, und ist bei seinen Schülern, auf welche er in hohem Grade anregend wirkt, außerordentlich beliebt. Worauf ich aber besonders Gewicht legen, ist, dass Doktor Steinmann ein durchaus selbst gemachter Mann ist. Von Haus aus ohne Mittel, hat er sich selbst zu dem gemacht, was er ist; er findet selbst seine Themata zu Arbeiten, und weiß aus denselben Etwas zu machen. Er reist nicht nur, sondern sieht Etwas auf seinen Reisen. Etwas mehr Ruhe und Besonnenheit mag er noch gewinnen, etwas mehr Form nach jeder Richtung kann nicht schaden; allein es ist ein Mann, aus dem nach menschlicher Berechnung etwas Tüchtiges wird; sein frisches Wesen und seine Unverwüstlichkeit || machen ihn zu einer Persönlichkeit, die Jeder gern hat. Ich glaube ihn als tüchtigen und allseitig anregenden Docenten durchaus empfehlen zu können.

a nachträglich von Thomae gestrichen, ersetzt durch: Bericht der Herren Collegen Häckel und Stahl

 

Briefdaten

Gattung
Datierung
10.03.1885
Entstehungsort
Zielort
Jena
Besitzende Institution
Universitätsarchiv Jena
Signatur
UAJ, M 621, 150r-156r
ID
47701