Sethe, Bertha

Bertha Sethe an Ernst Haeckel, [Berlin, ca. Ende 1852]

Zu den verpönten Dingen des gewöhnlichen Lebens, gehört es, daß der Topf dem Kessel vorwirft, daß er schwarz ist; mir kommt das ganz unrichtig und falsch vor; weiß doch der schwarze Topf am Besten, wie dem schwarzen Kessel zu Muthe ist; weiß er es doch am Besten, wie und wo ein Fleckchen Blankes zum Vorschein gekommen ist, weiß er es doch am Entschiedensten, wodurch nun hie und da ein Fleckchen Ruß entweder abgeschummt, abgestoßen oder gerieben worden ist; weiß er es doch am || Besten, welche Art seinem Organismus am Zuträglichsten, seiner Eigenthümlichkeit am Entsprechendsten ist. Nun könnte freilich der Kessel wohl sagen, ja warum müssen wir denn überhaupt schwarz werden, wie herrlich und glänzend bin ich nicht im vollen Strahl, blank und hell, daß es eine Lust ist? Glänzend und rein, brechen sich die Strahlen an mir und kehren doppelt und dreifach wieder von mir zurück? Hast du eine Antwort auf dies Warum? – ||

Willst Du nun der Topf oder der Kessel sein, mir ist es gleich, aber das mach Dir klar und deutlich, wie köstlich es sein muß, wenn ein Fleckchen Ruß nach dem andern, bald mehr bald weniger vom Kessel geht oder genommen wird, und er zu seiner Zeit, wieder hell und blank, wie ehedem dasteht, ja wohl heller und fester und stärker, denn er hat sich bewährt in der Glut des Feuers, und hat sein Wesen und Sein bewahrt, und aus Allem Schönen und Glänzenden leuchtet die Kraft und Festigkeit hervor.

So der Kessel, wenn er stille || ist, wenn er schwarz wird, wenn er wartet bis er wieder blank wird, wenn er arbeitet a ohn Unterlaß, den häßlichen Ruß fortzunehmen von sich, wenn er auch nur oben auf sitzt, er möchte leicht auch in seine innersten Adern dringen. Wenn nun ein Kessel zum ersten Male Ruß bekommt, es mag ihm wunderlich vorkommen, und schwer ankommen, wie sollte es aber sein, wenn wir dann ihn wegwerfen wollten, er wird noch oft schwarz werden, denn nur wenn er aufgehört hat als Kessel gebraucht zu werden, nur dann hört das Schwarzwerden auf.

Dies schrieb ein Kessel, so ganz geschwärzt und voll Ruß, daß Du b von seinem Wesen nichts mehr erkennen kannst, ob er noch einmal blank wird, und als Kessel gebraucht wird, wer weiß es; aber als Kupfer zerschlagen, und mit andern zerschmolzen und gereinigt nur Theil eines andern Dinges zu werden, das ist ihm bestimmt, wann? und wie?

Tante Bertha Sethe

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 43676
ID
43676